Pfade - Solovki

Mein Pass

Her damit. Ich habe dir die Hälfte bezahlt. Wir hatten eine Verabredung, schnauze ich ihn an. Aber ich sag Dir doch, die Preise sind gestiegen, das Leben wird teurer, bei uns — Igor spricht russisch mit ukrainischem Akzent. Ich habe ihn in Polen im Zug getroffen. Mitten in der Nacht, irgendwo hinter Lodsch hat er mir einen Pass angeboten, für 200 Dollar. Hey, hör mal zu, bei uns ist das Leben auch kein Zuckerschlecken, zumal wenn Euer Konsulat solche Visagebühren erhebt. Und wenn’s uns besser geht, dann deshalb, weil wir arbeiten, verstehst Du? Wir arbeiten und bekommen Geld dafür. Westgeld. Warum wollte ich nur von diesem unrasierten Holzhändler einen sowjetischen Pass kaufen, der von einem gefallenen Soldaten stammt. Tschetschenien. Russisches Kosovo. Mein Foto an Stelle seines. Er längst verbrannt unter der Erde. Ich will das Teil nicht, geh einfach, hau ab — Igor druckt sich, er hat Angst. Vor mir, dem ahnungslosen Studenten, hier in Frankfurt vor dem Bahnhof? Oder hat uns jemand gesehen? Plötzlich rennt er los. Ich eile hinterher. Vorbei an dem unschuldig rosa strahlenden Gebäude, über den mit Bushäuschen verstellten Vorplatz, hinter zur Kaserne in Richtung Reichsbahnstehle. Plötzlich springt er zur Seite und kraucht durch ein Kellerfenster. Hastig folge ich ihm. Kaum bin ich im Schutt gelandet, packt mich jemand von hinten. Ich spüre einen dumpfen Schlag.

Als ich aufwache, sitze ich auf einem Dachboden geknebelt und an einen Stuhl gefesselt. Wenn der Wind dreht, hört man die Ansagen vom Bahnhof, Busse fahren vorbei. In der Ecke hockt ein fremder Kerl. Er zerfetzt Nowy-Mir-Hefte, Jahrgang 1989, und wirft sie nach und nach in ein kleines Feuer. Wenn die Flame auflodert, sieht man sein Gesicht. Unter den schwarzen Haaren verbirgt sich ein grimmiger Mund, seine Augen sehen traurig aus, er blickt voller Stolz auf mich. Verzweifelt versuche ich mich zu Wort zu melden, gebe aber bald auf. Mir bleibt nichts, als mich zu Boden zu werfen. Der Schwarzhaarige kommt, tritt mir in den Bauch und stellt mich fluchend mitsamt des Stuhls auf. Nun kommt eine ganze Horde von Ganoven rein. Die, die entweder nicht genug Beziehungen haben, um ein längeres Visum für Deutschland zu bekommen, oder denen das Geld fehlt, um mit entsprechendem fahrbaren Untersatz durch deutsche Lande zu reisen. Die ersten trifft man manchmal in Slubice im Lubuszanin, wenn sie auf Frauenjagd sind, die anderen hocken schimpfend im Regionalexpress, bevor sie sich doch mit einem gekauften Auto aus dem Land stehlen. Ein großer ruhiger nimmt mir das eklige Taschentuch aus dem Mund. Drei kleine, gedungene, ungeduldige Sportlertypen positionieren sich um mich herum. Igor ist nicht zu sehen. Ich muss an die Kampfhunddebatte denken und daran, dass ich jetzt eigentlich Halina treffen wollte, die schöne Halina. Hör zu Faschist, 500 Eier oder Du bist tot, schnauzt mich der Große an. Er kommt offenbar aus dem Kaukasus. Euro oder Dollar?, wage ich nachzufragen, ernte dafür aber sogleich einen Stoß in den Magen. Also gut, aber nur wenn ich den Pass bekomme, meine ich vorsichtig. Der Große lacht: Der ist doch sowieso nichts wert, wer will schon in dieses Drecksland. Ich versuche, mein Zittern zu verbergen. Nein ich habe keine Angst. Nein das sind nicht die Tschetschenen aus Slubice und ich sitze nicht am Bahnhofsplatz vor drei Killertypen. Was ist?, brüllt mich der nun nicht mehr ganz so ruhige Kräftige an. Also mit Pass, ja na hör mal zu, wißt ihr, ich bin doch Student und..., die drei Kleinen werden unruhig. 500 ist ja nicht schlecht, aber ich habe nur Mark da, versteht ihr — der Starke macht einen entschlossenen Eindruck: Abgemacht. Wir fahren jetzt zum nächsten Automaten, du hebst 1000 Mark ab. Und der Pass ist dein: Michail Sergejewitsch.

In der herrschenden Dunkelheit laufe ich mit dem inzwischen seelenruhigen Hünen die Ferdinandstraße hinab, unten biegen wir links ab, dann gehen wir die Magistrale entlang. Die drei anderen sind nicht zu sehen. Vorm Sparkassenautomat ist wie immer eine Schlange. Wir schweigen. Ich will schon meine Karte zücken, als die Haustür nebenan aufgeht. Ich renne rein, die Treppe hoch — hinten muss der Diensteingang zur Studentenpassage sein. Tatsächlich. Sie steht ein Spalt offen. Ich fliehe durch die Hinterräume ins Lokal und hinaus zum Marktplatz, vom Großen ist nichts zu sehen. Vorbei am Bäcker, lasse ich das Rathaus links hinter mir, mein Haus ist schon zu sehen. Fast hinter der Bibliothek angelangt, sehe ich einen Opel Kadett auf mich zufahren : die drei Kleinen. Wie gelähmt sacke ich in mir zusammen und schleppe mich in Richtung Bischofstraße. Der Kadett kommt mir genau entgegen, ich sehe wie die Fensterscheibe runtergekurbelt wird, ein Lauf. "Nein." In diesem Moment erklingt die helle Turmglocke : zwei Mal. Und die schrille Türklingel. Warum muss die Postfrau immer Punkt halb Zehn kommen und dann auch noch bei uns läuten? Aber ich muss ja sowieso aufstehen. Heute Abend geht’s schließlich in Richtung St. Petersburg und ich habe noch nicht gepackt. Jetzt aber schnell der Briefträgerin aufmachen, rein in den Bademantel. Guten Morgen, krächze ich. Ein Einschreiben für Sie, von der Russischen Botschaft. Ach das ist aber schön - mein Pass. Der kommt ja genau richtig. Vielen Dank und schöne Wochenende! Die Postfrau hat bald Feierabend — Ja das wünsche ich Ihnen auch. Auf Wiedersehen.