Hotel, Armeebasis & Marktplatz
In Medwezhegorsk ist nicht viel zu sehen von der Zeit des Weissmeer-Ostssee-Lagers
und doch verdankt die Stadt ihr heutiges Antlitz nur dem Großbauprojekt
der sowjetischen Industrialisierung. Damals errichteten vor allem politische
Häftlinge an der Dzhershinski Straße unweit des zweistöckigen
Sitzes des NKWD einen großen Ziegelsteinbau, in dem schon vor der Fertigstellung
hart gearbeitet wurde. Die Pläne für den Kanalbau mussten umgearbeitet
werden. Da praktisch keine Werkzeuge zur Verfügung standen, Metall zur
Mangelware gehörte und an Beton nicht zu denken war, musste das in Moskau
erarbeitete Projekt von schneller Hand umgestellt werden: Der Kanal sollte ganz
und gar aus Holz entstehen. Zwischen dem NKWD-Gebäude, das sich heute die
Direktion des Kanals sowie die Außenstelle eines Geheimdienstes teilen,
und dem Bürohaus steht ein gewaltiges graues Gebäude, das 1932 errichtet,
als Hotel für die Ingenieure und Lagerleiter diente. Damals fuhr ein Fahrstuhl
auf die Aussichtsplattform, von der man die erste von 19 Schleusen sehen konnte,
die innerhalb von 20 Monaten von Zehntausenden Häftlingen in den karelischen
Granit geschlagen wurden, um eine Verbindung von Weißem Meer und Onegasee
zu schaffen und somit Schiffen die Durchfahrt bis zur Ostsee zu ermöglichen.
Heute ist der Aussichtsturm wegen Einsturzgefahr gesperrt, der Fahrstuhl funktioniert
längst nicht mehr. Das Hotel wurde, nachdem es lange als Armeestützpunkt
und später als Internat diente, zu Beginn der 90er Jahre dem Verfall Preis
gegeben. Doch mittlerweile ist es wieder zum Mittelpunkt der Stadt geworden.
In der Empfangshalle lädt ein Markt zum Kauf von Backwaren, Obst und Gemüse,
Textilien und Schreibutensilien. In einem Flügel befindet sich das Museum
von Sergiej Iwanowitsch. "Sowietzkoje Belomorie" hat hier eine Redaktion.
Anwaltskanzleien, Buchhaltungsbüros, das Stadtarchiv, eine Station der
Miliz alle haben sich ein trockenes Plätzchen im feuchten Mauerwerk
gesucht. Dennoch stehen weite Teile des Gebäudes leer. Im vormaligen Speisesaal
des Hotels sind noch die Schulbänke aus der Internatszeit aufgereiht, an
der Wand prangt ein übergroßes Gemälde der Stadt mit Blick auf
den Kanal, an der Decke hängen in zehn Metern Höhe noch einige Kronleuchter
aus den 30er Jahren, in den Fluren sind die Überreste einer Großküche
zu sehen.