Verfügungsgewalt, Großer Terror & ein Direktor
Die Vertreter der Gesellschaft "Memorial" fügen sich unwillig.
Sie ertragen nicht, dass der Gedenktag nun vollständig von der Verwaltung
des Medwezhegorskij Rajons organisiert wird. Seit 1997 unternehmen sie mit einer
Gruppe von Nachkommen der Ermordeten sowie Schülern und Studenten jährlich
eine Gedenkreise zum Weißen Meer, wo in 165 Kilometer Entfernung vom Polarkreis
der Archipelag der Solowetzkije Inseln liegt, auf dessen Hauptinsel, in den
Mauern des zuvor bedeutendsten nordrussischen Klosters, 1923 das erste sowjetische
Lager für politische Häftlinge errichtet wurde. Auf dem Weg zur Inselgruppe
verweilen die Reiseteilnehmer in Medwezhegorsk, um in Sandarmoch an die Opfer
der Repressionen von 1937 zu erinnern. Bisher hatten sie das Sagen, entschieden
über Ablauf und Inhalt der Veranstaltung. Schließlich waren sie es,
die nach jahrelangen Nachforschungen den Ort gefunden hatten, an dem die Häftlinge
des Solowetzker Gefängnisses erschossen wurden. Zuvor wurde den Angehörigen
nur mitgeteilt: am 27. Oktober 1937 in der Umgebung von Medwezhegorsk ums Leben
gekommen. Es gab bis dahin keinen Ort des Gedächtnisses weder für
die Nachkommen der ukrainischen, russischen, polnischen, deutschen, estnischen,
finnischen, georgischen, armenischen Intellektuellen, Parlamentarier, Künstler
und Geistlichen, die im Herbst 1937, als die tödliche Welle des Großen
Terrors das ganze Land überschwemmte, in mehreren Gruppen von Solowki abtransportiert
wurden, noch für die Angehörigen der 3500 karelischen Bauern, Jäger
und Fischer, die den von "Memorial" gesammelten Dokumenten zufolge
in der Umgebung von Medwezhegorsk ihr Ende fanden. Auch der Verbleib der sterblichen
Reste der 4500 Häftlinge des Ostsee-Weißmeer-Lagers, die in den dreißiger
Jahren erschossen wurden, war bis 1997 unbekannt.
Ebenfalls am Tisch im Restaurant des Hotel Onega sitzt
Karl Schlögel, Professor für Osteuropäische Geschichte an der
Europa-Universität Viadrina. Er ist mit einer Gruppe von Studenten aus
Frankfurt (Oder) hierher gekommen, um die Geschichte des GULag vor Ort zu studieren.
Die Auseinandersetzung um den Ablauf des Gedenktages und das Mittagessen interessieren
ihn nicht. "Ich will jemanden sprechen, der Ahnung vom Kanalbau hat, der
erklären kann, wie der Ostsee-Weißmeer-Kanal funktioniert, am besten
mit dem Direktor der Kanalverwaltung", erklärt er ernst. Spannung
kommt auf. Das Gesicht von Sergiej Iwanowitsch wirkt schmerzverzerrt, Venjamin
Viktorowitsch schmunzelt, Irina Anatoliewna guckt verkniffen. Schweigen. "Also,
es ist Wochenende und es wird sehr schwierig sein, jetzt jemanden aufzutreiben",
erklärt der Museumsleiter. Irina Anatoliewna fügt hinzu: "Außerdem
ist der Direktor zur Zeit in Urlaub." Karl Schlögel fragt noch einmal
nach. Venjamin Viktorowitsch erklärt ihm: "Wissen Sie was, der Direktor
ist von Beruf Direktor, kein Ingenieur. Außerdem ist er Kommunist und
wird Ihnen eher Märchen vom Teufel erzählen, als Sie in die Geheimnisse
dieses großartigen Baus der Sowjetunion einzuweihen". Der deutsche
Historiker hat einen wunden Punkt getroffen. Denn erst vor Kurzem hat der Direktor
des Kanals Sergiej Iwanowitsch verboten, Schülergruppen auf das Gelände
der zweiten Schleuse in Powenietz zu führen. "Memorial"mitglieder
dürfen ebenfalls nicht mehr das Gelände des Kanals betreten. Zuvor
hatten noch einige Expeditionteilnehmer Lagerpunkte unweit der 8. Schleuse aufgesucht,
um die noch erhaltenen Holzbaracken aus den 30er Jahren zu dokumentieren und
Gitterstäbe, Metallräder von Schubkarren sowie die Überreste
von Spitzhacken für das Petersburger "Memorial"-Museum zu sammeln.
Auf dem Rückweg hatte ihnen der Direktor mitteilen lassen, dass sie die
Geschichte des Kanalbaus beschmutzten und den Kanal deshalb nie ww?ieder betreten
dürften. Nachdem Karl Schlögel versprochen wurde, einen Ingenieur
ausfindig zu machen, der über den Kanalbau berichten könnte, bezogen
die Gäste ihre Zimmer, Sergiej Iwanowitsch eilte ins Museum, um die letzten
Vorbereitungen zu treffen. Ein dreigängiges Mittagessen wurde serviert,
und alle gaben sich zufrieden. ![]()