Gräber, Souvenirs & Hundefleisch
"Sie werden meine Stadt nicht beleidigen" - Sergiej
Iwanowitsch ist außer sich. Er hat den morgigen Gedenktag für die
1111 in Sandarmoch erschossenen Häftlinge des Solowetzkaja Gefängnisses
besonderer Bestimmung sorgfältig vorbereitet. In der Dzherzhinski Straße
wird es vor dem Hotel einen Blumenstand für die Gäste aus Moskau,
Petersburg, Berlin, Mailand, Helsinki, Posen und Berkeley geben. Busse werden
bereit stehen. In der Zeitung "Sowjetzkoje Belomorije" hat er eine
Anzeige aufgegeben. Für das Gräberfeld 19 Kilometer hinter der am
nördlichen Ufer des Onegasees gelegenen Stadt hat er einen Souvenirstand
mit bestickten Leinentrachten sowie einen Lebensmittelkiosk mit Bier und Fischdosen
organisiert. Ein Maler wird bunte Ikonen feil bieten, die er gemeinsam mit seiner
Familie aus feinem karelischen Sand zusammengefügt hat. Die Petersburger
Generalkonsule von Deutschland, der Ukraine und Polen wurden eingeladen, der
Verwaltungschef des Medwezhegorskij Rajons hat sich angesagt. Die Miliz ist
informiert. Der Priester aus Powenietz wird eine Messe abhalten. Sogar Mitglieder
der moslemischen Gemeinde aus Petrosawodsk kommen in diesem Jahr. Für die
Vertreter der historischen Gesellschaft "Memorial" St. Petersburg,
die das Massengrab 1997 nach längerer Suche gemeinsam mit karelischen Heimatforschern
entdeckten, ist das nicht genug. Mit verhärteter Miene sitzen Venjamin
Viktorowitsch und Irina Anatoliewna dem Museumsleiter von Medwezhegorsk im Restaurant
des Hotel Onega gegenüber. "Wir werden hier kaum ein vernünftiges
Mittagessen bekommen. In der Küche ist soeben der Chef verschwunden, die
eilens bestellten Hilfskräfte haben keinen Schlüssel für die
Geschirrschränke", ereifert sich Irina Anatoliewna. Sergiej Iwanowitsch
läuft rot an. Scham und Wut mischen sich in seinem Gesicht. "Wir werden
eine Lösung finden. Ich als Leiter des Regionalmuseums Medwezhe??gorsk
verspreche ihnen, dass sie innerhalb einer halben Stunde ein warmes Mittagessen
haben werden", verkündet er offiziös. "Das glaube ich nicht",
erwidert Irina Anatoliewna spitz. "Wir gehen in ein anderes Lokal. Mein
Gefühl sagt mir, dass wir hier nie etwas zu essen bekommen." Sergiej
Iwanowitsch verschwindet in der Küche. Im mit dunkelrotem Samt ausgekleideten
Restaurant, das nun schon seit vier Jahrzehnten den eleganten, volksnahen Charme
der 60er Jahre ausstrahlt, werden bereits die Tische gedeckt. Der Museumsleiter
kehrt zurück. "Meine Damen und Herren: ich als Leiter der Zeremonie
erlaube ihnen nicht, in jenem Lokal zu essen. Ich bin für die Gesundheit
vor allem der ausländischen Gäste unserer Stadt verantwortlich und
werde alles dafür tun, dass sie in jenem Lokal nicht essen werden. Man
serviert dort Hundefleisch."![]()