Pfade - Oder

McDonald's ist einfach gut

Morgens um acht, Grenzübergang nach Polen. Die Autoschlange schiebt sich langsam voran. Ein Frankfurter verkauft am Straßenrand die "Bild am Sonntag". Die Zöllner sind müde. Erste Einkaufstouristen laufen über die Stadtbrücke nach Slubice. Man erkennt sie an den T-Shirts und Turnhosen, die sie vom letzten Ausflug auf den Polenmarkt mitgebracht haben, oder an ihrer Auslandsreiseausstattung mit Rucksack, Brustbeutel und festem Schuhwerk. In der Oder liegen die Pfeiler für eine neue Brücke, deren Eisenträger am Ufer in einigen hundert Metern Entfernung zusammengeschweißt werden. Die Oderwiesen sind überschwemmt, der Pegel steigt. Frankfurt liegt hinter einer gewaltigen Kaimauer aus Beton. In Slubice werden derzeit die Deiche erneuert.

Hinter der Brücke warten Dutzende Taxifahrer auf Kundschaft. Die Fahrt zum Basar kostet fünf Mark, im Minibus berappt man zwei Zloty. Ein ukrainischer Schmuggler stellt vor dem Collegium Polonicum eine schwarze Tasche ab und entfernt sich. Auf der anderen Seite sitzen ein paar Trinker vor dem Hotel Europa. Auf dem Dach gurrt ein Taubenschwarm. - Ein gewöhnlicher Sonntagmorgen an der EU-Außengrenze, stünde da nicht mitten auf der Straße eine 35-Millimeter-Filmkamera.

Studenten von der Filmhochschule Babelsberg drehen einen Kurzfilm über die Grenze: Drei Geschichten sollen parallel erzählt werden und die Protagonisten am Schluss auf der Brücke zusammentreffen.

Ein Tontechniker prüft die Mikrofone am Straßenrand, die Regieassistentin macht Notizen, der Produktionsleiter organisiert einen Kleinbus, der durch die Szene fahren soll, der Regisseur sitzt auf seinem Hocker und behält den Überblick. Plötzlich zieht sich der Himmel zu, das strahlende Gelb der Hotelfassade ermattet. Sofort sucht der Kameraassistent durch einen UV-Filter nach einem Loch in der Wolkendecke.In drei Minuten ist es soweit. Der Ton stimmt, der Bus steht bereit, die Trinker wurden verscheucht, die Kamera ist eingestellt, die Straßen sind abgesperrt. Alles passt. Nur noch die Schauspieler. Gerade aus Berlin und Warschau eingeflogen, sollen sie ein Paar spielen, das sich nach einem Rendezvous im Hotel an der Brücke verabschiedet. Hektisches Telefonieren. Wo bleiben sie?

Der Ukrainer schleicht verwirrt durchs Set, nimmt die schwarze Tasche, stellt sie am Flussufer ab, verschwindet erneut.

Die Schauspieler sind da, ein neues Wolkenloch naht. Alles stimmt. Die Regie bittet um Ruhe. "Die Grenze 16/1, die erste." - "Ton läuft, Kamera läuft." Das Paar tritt aus dem Hotel, der Bus nähert sich.

Stopp, Stopp, Stopp. Die Tauben auf dem Dach! Die müssen da runter! Gelächter. Wir können sie doch digital rausschneiden. Das Team versucht, den Taubenschwarm vom Dach des Hotel Europa aufzuscheuchen. Die Klappe des Regisseurs ist zu leise, Pfiffe bewirken nichts, Klatschen verhallt, der Schlüssel für den Dachboden ist nicht aufzutreiben.

Da hat die Produktionsassistentin eine Idee - und verschwindet über die Brücke nach Frankfurt.

Inzwischen strömen immer mehr Deutsche in Richtung Basar. Slubice ist endgültig aus dem Schlaf erwacht, Schaulustige haben sich versammelt.

Kurz darauf kehrt die Assistentin mit Papiertüten von McDonald s zurück. Kein Loch mehr am Himmel, Regen tropft auf Asphalt. Egal. Die Einstellung muss jetzt gedreht werden.

"Achtung! Ruhe bitte! Konzentration! Die Grenze 16/1, die zweite." - "Ton läuft, Kamera läuft." - "Bitte!" Vier luftgefüllte Papiertüten zerbersten, die Tauben flattern auf, der Minibus fährt um die Ecke, das Paar tritt aus dem Hotel. Es läuft über die Straße und verabschiedet sich. Kurze Zeit später strömt Regen in dicken Fäden. Von der Straße steigt Sommerduft.

Die ersten Einkaufstouristen kehren mit Plastiktüten und Rucksäcken vom Markt zurück: Obst und Gemüse, Zigaretten, Backwaren und Briefkästen. Die Taxifahrer warten auf neue Kundschaft. Vom Ukrainer fehlt jede Spur. Seine Tasche steht am Ufer. Das Filmteam packt die Technik ein und fährt zum nächsten Drehort.

Ein Zöllner liest die Bild am Sonntag. Die Schlange an der Grenze ist angewachsen. Einige Einkaufstouristen sitzen bereits am Frühstückstisch mit Eiern, Brötchen und Butter aus Polen und regen sich über den steigenden Zloty-Kurs und das Wetter auf.

Erschienen am 8. 8. 2001 in der Berliner Zeitung.