Pfade - Oder

Saure-Gurken-Zeit

Staub weht durch die Slubicer Zigarettenstraße, von den Balkonen hängen prächtige Geranien, ein Rentner hält von seinem Fenstersims Ausschau nach besseren Zeiten. Kinder spielen auf dem Gehweg. Deutsche Einkaufstouristen schleichen zur Wechselstube im "Restaurant Europa", vor dem ein Späher mit Feldstecher den Kurs der Konkurrenz ein paar Häuser weiter beobachtet. An der Litfaßsäule um die Ecke hängt ein Plakat neben dem anderen: Auf Deutsch steht dort "Saure-Gurken-Zeit?", auf Polnisch: "Gurkensaison?". Große, grüne Gurken zieren die ganze Litfaßsäule. Das Frankfurter Kulturbüro hat so versucht, die wenigen Veranstaltungen, die in der sommerlichen Glut an der Oder trotz saisonalen sowie epochalen Bevölkerungsschwundes stattfinden, als Kultursommer zu bewerben. Ein Varieté-Theater-Spektakel in der mittelalterlichen Marienkirche, ein Konzert mit Barbara Thalheim im neuen Kulturpalast Kleist Forum, Filmvorführungen und Lesungen stehen auf dem Programm. Doch in Slubice hat man das nicht so recht verstanden. Seit dem die Plakate hängen, rufen im Frankfurter Kulturbüro immer wieder polnische Bürger an, die bei der Gurkenernte helfen möchten. Inzwischen hängen über den Gurken-Plakaten die ersten Zettel: Todesanzeigen und Immobilienangebote. Kazimierz Wozniak weiß auch nicht, was es mit den Kultur-Gurken auf sich hat. Er steht wie immer in der Toreinfahrt des Jugendstilhauses gleich hinter dem alten Kino "Piast" neben Kisten mit Sauerkirschen, Pfifferlingen und Gurken. "Die Süßkirschenzeit ist ja schon vorbei, aber jetzt kommen noch mal Himbeeren und Anfang September gibt’s eine zweite Fuhre Erdbeeren", erklärt er stolz. Er verkauft seit acht Jahren im Durchgang eines Wohnhauses Obst und Gemüse an Frankfurter und Slubicer. Die Wände sind mit mintfarbenen Stuck verziert. Ab und zu schlängelt sich ein Anwohner durch die Kisten mit Kohl, Rüben, Äpfeln, Blaubeeren und Zitrusfrüchten. "Die Gurken sind fast alle aus Kleingärten. Ich kenne meine Leute. Die haben gar kein Geld für künstlichen Dünger. Mist! Ich sehe das sofort, wenn mein Gemüse mit Mist gedüngt wurde" — Kazimierz Wozniak strahlt. Sein Gesicht ist rot. Der Schnurrbart zeigt erste graue Haare. "Gurken — die Deutschen kaufen, was das Zeug hält. Jeden Tag werde ich 60 Kilo los". Bei einem Preis von 90 Pfennig pro Kilo ist das auch nicht verwunderlich. In einem blauen Bottich verkauft er auch fertig eingelegte Salzgurken. Diese schmecken den deutschen Kunden so gut, daß sie ihn immer wieder nach dem Rezept fragen. Mit geheimnisvoller Mine erzählt er dann von einem Polnischen Kochbuch aus dem 18. Jahrhundert, dem er die Rezepte entnommen habe. Danach kommen auf fünf Kilo Gurken sieben Esslöffel Salz. Dill, Rettich, Knoblauch, Pfefferkörner und Kirschblätter, die in den Aufguss gehören, kann man bei ihm in einem gebundenen Strauß für eine Mark fünfzig erwerben. Doch während an der Oder friedlich die EU-Erweiterung mit dem Austausch von Rezepten vorbereitet wird, bahnte sich in Brüssel Unheil an. Die polnische Salzgurke sollte nach dem imaginären Beitritt Polens zur EU verboten werden. Denn die kleinen Gurken, die nur für drei bis vier Tage eingelegt werden, wiegen nur wenige duzend Gramm. Eine europäische Gurke hingegen wiegt mindestens 180 Gramm. Sofort regte sich in ganz Polen geballter nationaler Widerstand: "Nicht ohne unsere Schnellgurken", schrieb die Gazeta Lubuska. Mitten im Sommerloch tauchte ein dankbares Thema auf: die Saure-Gurken-Zeit. Neben verschiedenen Rezepten für Dillgurken, saure Gurken und Schnellgurken bewegte nun die Gemüter, ob es den Unterhändlern gelingen würde, die polnische Gurkentradition gegen den Angriff aus Brüssel zu verteidigen. Dabei haben zumindest die Deutschen die Gurke als solche ohnehin nur ihren polnischen Nachbarn zu verdanken. Gurke ist eines der wenigen Lehnwörter, die nicht vom deutschen Okkupanten in die westslavische Sprache mit den vielen Zischlauten befördert wurde, sondern direkt aus den urigen Weiten der polnischen Republik zu den Germanen drang. Doch Polen und Deutsche sind sich in Sachen Gurken viel näher, als die Verhandlungen um das Mindestgewicht nahelegen. So stammt die Bezeichnung Saure-Gurken-Zeit ursprünglich aus der Berliner Kaufmannssprache. Die Zeit des Hochsommers, in der die Gurken reifen und eingelegt werden, in der Ferien sind und der Geschäftsbetrieb nicht allzu groß ist, heißt auf polnisch ganz zufällig Gurkensaison. Inzwischen sind die Begriffe in beiden Sprachen zum Synonym für den kulturellen, politischen und geschäftlichen Sommernotstand geworden. Doch auch wenn weder in Frankfurt noch in Slubice wie sonst ausufernde Feste der Verständigung gefeiert werden, oder große Europäer sich die Klinke der Europa-Universität in die Hand geben — man ist beschäftigt und legt Gurken ein. So auch Gottfried und Maryla Tautenhahn, die seit zwanzig Jahren in Frankfurt (Oder) leben und einen kleinen Garten hegen. "Unsere Gurken sind nicht multikulturell, sie sind auf Pflege angwiesen, man muß sie gießen. Aber sie sind unabhängig, deshalb berühren sie die EU-Bestimmungen nicht", erklärt der Bausachverständige, während seine Frau in der Küche einen Tontopf mit Schnellgurken ansetzt. Maryla Tautenhahn stammt aus Slupsk. Sie hat ihren Mann bei einem Jugendaustausch der Deutschen Reichsbahn mit dem Polnischen Sozialistischen Jugendverband kennengelernt. Kazimierz Wozniak verkauft in seiner Toreinfahrt weiterhin Gurken und Dillkraut. Eine Kundin schwärmt: "Ich habe ja schon Gurken eingelegt, das duftet im ganzen Haus und wenn Besuch kommt, sind alle begeistert von diesem frischen Geschmack". Die Slubicer Russischlehrerin, die sich ihre Rente mit Übersetzungen im Amtsgericht aufbessert, schimpft: " Aber die EU-Schergen wollen uns ja die Schnellgurken wegnehmen, die Unholde". Ja in der Zeitung stand, daß die Engländer von unseren sauren Gurken gar nichts halten. Die denken, das sei verfaultes Gemüse, echauffiert sich eine andere Kundin. Aber die Gefahr ist gebannt. Nun darf man in ganz Polen Schnellgurken verkaufen. Auch nach EU-Beitritt. Jedoch nur unter der Bedingung, dass sie im Großhandel als "Minigurken" oder "Kurze Gurken" gekennzeichnet werden. Dem europäischen Einigungsprozess steht zumindest in der Sauren-Gurken-Zeit an der deutsch-polnischen Grenze nichts mehr entgegen. Und über den Gurkenplakaten des Kulturbüros kleben längst neue Todesanzeigen und Immobilienangebote.

Erschienen im August 2001 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.