Pfade - Oder

Auf Biegen und Brechen

Achim Scharbatke ist aus Rheinhausen nach Frankfurt gekommen, um dabei zu sein, wenn die von ihm konstruierte Brücke auf der Oder montiert wird. Ein Taxifahrer fährt ihn vom Bahnhof aus durch die Stadt und erklärt ihm die Situation: "Nix los hier. Total tote Hose. Alles passiert am Rande, wir liegen einfach ab vom Strich. Die Leute gehen aus die Stadt, hauen ab." Scharbatke nennt das "Taxiseelsorge umgekehrt". Der Fahrer macht einen kleinen Umbogen, um zu zeigen, wie leer er die Stadt empfindet. Scharbatke hingegen wartet ungeduldig auf den Moment, da er sein Kind erblickt — die Brücke. Längst wurden von polnischen Arbeitern neben der Friedens-Brücke, die Frankfurt (Oder) seit den fünfziger Jahren mit dem Städtchen Slubice verbindet, Hilfspfeiler im Strom errichtet, die die neue Brücke tragen sollen, bis sie im Sommer 2002 an Stelle der alten gerückt wird. Während ein Stahlträger nach dem anderen auf die Pfeiler verschoben wird, bewegen sich täglich Hunderte Autos über die Friedensbrücke, jedes Jahr passieren Millionen Fußgänger das im Volksmund Stadtbrücke genannte Bauwerk. Unter ihnen Einkaufstouristen, Übersetzer, Puffgänger, Schwarzarbeiter, Studenten, Autodiebe, Diplomaten, Professoren, Zeugen Jehovas und Schmuggler. Damit sie alle auch während der Bauarbeiten das andere Ufer erreichen können, wird die neue Brücke vorerst neben der alten aufgebaut, um dann als Behelfsbrücke zu dienen, während die ursprünglichen Pfeiler durch neue ersetzt werden. Dann erst wird die Grenze für zwei Wochen gesperrt und die neue Brücke in Gänze an den Ort ihrer Bestimmung gerückt. Deshalb mußte der gelernte Maschinenbauingenieur Scharbatke zwei Brücken in einer entwerfen. Die Belastung auf den jeweiligen Pfeilern ist unterschiedlich — unter dem Gewicht von Beton und Asphalt verformt sich das 1350 Tonnen schwere Konstrukt zwei mal. Damit es am Schluß gerade wird, ist es vorerst in sich doppelt krumm. "Auf Biegen und Brechen", Scharbatke spricht von Dramatik. Der Taxifahrer berichtet weiter von seiner Sicht auf die Dinge: "Die Polen, die können gleich ganz drüben bleiben, in ihrem Kasperleland. Die sollen erst mal lernen, was Recht ist. Ich geh da nicht mehr rüber. Kein Benzin, kein Tabak, nix. Einmal bin ich rüber gemacht, da haben sie mir auf die Landstrasse gefasst, bisschen überhöhte Geschwindigkeit eben. Da haben mich die Affen bis ins nächste Dorf laufen lassen. Deutschmark haben die nicht genommen, die Hampelmänner. Seit dem mache ich keinen Schritt mehr zu die Pollacken. Die haben doch keine Kultur haben die, die ...". Scharbatke war noch nie in Polen. In Ostdeutschland ist er auch zum ersten Mal. Er hat sich in seinem Rheinhausener Büro "Idee & Entwurf" die Pläne der Friedens-Brücke angesehen und eine neue entworfen, die mit einem Bogen schließt, der an den der alten Brücke erinnert. Dieser ist im Laufe der Jahre zum Symbol für Verständigung und Freundschaft zwischen den Völkern geworden. Die Europa-Universität beruft sich auf den Brückenschlag, deutsche und polnische Staatsmänner lieben es, sich unter dem Bogen zu treffen, um mit einem Handschlag das vereinte Europa zu beschwören. Inzwischen ist Scharbatke am Ort des Geschehens eingetroffen. Der neue Bogen ist auf Pontonträgern aufgebockt. 750 Tonnen Stahl in zehn Metern Höhe. Der Flußpegel steigt unaufhörlich. Für den morgigen Tag sind weitere Regenfälle angekündigt. Das 75 Meter lange Element muß noch heute um 90 Grad verschoben werden. Schaulustige haben sich am Ufer versammelt. Ein Kran wird geordert, um die drei Winden zu unterstützen, die schwere Seile ziehen, an denen der Bogen auf die Pfeiler geschwemmt soll. Es geht los. Der Grenzübergang wird abgesperrt. Wolken ziehen auf. Die Seile werden ausgerichtet. Erste Tropfen. Windböen. Ein Blitz schlägt auf Slubicer Seite ein. Auf der Baustelle knirschen Funkgeräte. Donner. Der Übergang wird wieder geöffnet und ein Strom von Einkaufstouristen ergießt sich über die Brücke. Die Wolkendecke zieht auf. Sieben Schwäne schwimmen über die Oder. Ein Regenbogen erscheint am Horizont. Er schließt sich über der alten und der neuen Brücke, die noch immer orthogonal zueinander stehen. Scharbatke zückt die Digitalkamera. "Brücke find ich gut", meint er. "Ich mag es Verbindungen zu schaffen." Die alte Brücke gefällt ihm nicht. Sie sei zu eckig. Aber die neue — diese Rundung und der Übergang am Ende des Bogens. Scharbatke ist entzückt. Währenddessen sind holländische Spezialisten weiterhin damit beschäftigt, die Stahlseile so auszurichten, dass sie der Strömung stand halten. Scharbatke will zurück nach Hause. Es ist ihm zu naß und zu kalt an der Oder. Der Taxifahrer begrüßt weiterhin Gäste in Frankfurt (Oder). "Sieht nicht so gut aus in der Stadt." Die Strecke vom Bahnhof zur Brücke fährt er häufig, denn es gibt keinen Bus, der beide Städte verbindet. "Zur Grenze fahren wir ja oft, vor allem am Abend, wenn die Männer in die Puffs wollen, aber rüber niemals!"

Erschienen am 1. 11. 2001 auf der deutschen Seite von Nasze Strony.