Pfade - Oder

Ankunft

Frankfurt an der Oder. Das Nadelöhr am Grenzfluss, an der Brücke nach Osten. Gerädert von 36 Stunden Zugfahrt steige ich aus dem Petersburger Waggon. Nach anderthalb Jahren Zivildienst in Russland. Mir rinnt ein Schauer über den Rücken. Wie wird es sein, dieses Deutschland, die neue Stadt, das Studium? Durch die trüb beleuchteten Bahnhofshallen weht Frühlingsluft. Eine Ahnung aus vergangenen Zeiten mischt sich mit rostigem Charme des Verfalls und dem Charisma der großen bunten Metallmännchen der Bahn, in deren Bäuchen die Fahrpläne leuchten. An der Treppe zur Unterführung stehen zwei Männer in Uniform mit großen funkelnden Aufschriften. Der Kleine mit dem prüfend-abfälligen Blick ist vom Bundesgrenzschutz und der Dicke ohne Haare vom Zoll. Nicht zu übersehen. "Guten Tach. Haben Sie was zu verzollen?" fragt der Dicke routinemäßig. "Nein." Klare Antwort. Habe wirklich nur zwei Flaschen Wodka und ein paar Schachteln Zigaretten dabei. Souvenirs. "Aha, und was haben wir hier?" Der Dicke zeigt zufrieden auf Mascha. "Das ist meine Katze", erkläre ich bereitwillig. "Das geht aber nicht!" Der Kleine stellt sich in den Weg. Ich: "Wieso?" - "Wir sind hier in Deutschland und in Deutschland ist die Einfuhr von Tieren verboten." So ist das also in Deutschland. Verboten. "Ich habe aber gültige Papiere mit internationalem Impfnachweis", triumphiere ich und wedle mit einem taufrischen russischen Katzenpass vor den Nasen der Wächter. Der Dicke nimmt den Ausweis, beguckt ihn und staunt. "Aber das ist ja Russisch! Nee, also das geht nicht. Bitte fahren Sie mit dem nächsten Zug nach Rzepin zurück." Hier ist ja was los, gleich werden wir wieder rausgeworfen aus dem schönen Land. Das wollen wir aber mal sehen. "Entschuldigung, ich möchte nur zum Grenzübergang nach Slubice - ich habe dort einen Platz im Studentenheim." Der Kleine schnaubt. "Ja, na und? Sie können doch mit einer russischen Katze nicht einfach so nach Deutschland fahren!" Irgendwas läuft schief. Entweder die Deutschen haben keine Ahnung oder die Russen haben mich belogen und betrogen mit dem Pass. "Aber sehen sie mal, hier steht: Internationaler Tierausweis, auf Englisch." Der Kleine kocht. "Wir haben hier unsere eigenen Gesetze, deutsche Gesetze, verstehen Sie." Zurück? "Hören sie mal: ich bin jetzt 1 800 Kilometer gereist und habe einige Grenzen überquert, in Weißrussland musste ich Transitgebühr für die Katze bezahlen, 400 000 weißrussische Rubel, die Polen haben ihren Drogenhund auf sie gejagt, einen Deutschen Schäferhund, aber durchgelassen haben sie uns alle. Und jetzt wollen Sie mir erzählen, dass die Katze nicht die paar Kilometer zur Grenze darf. Besteht denn Ansteckungsgefahr für die deutsche Bevölkerung?" Zoll und Bundesgrenzschutz verhandeln ernsthaft miteinander. "Nein, wir müssen Sie bitten, nach Rzepin zurückzukehren." Wenn die Herren nicht wollen, will ich auch nicht. "Ich habe kein Geld mehr. Außerdem will ich nur zur polnischen Grenze." Eine Pause entsteht. Die wissen wohl auch nicht mehr weiter. "Kommen Sie mal mit." Der Kleine macht eine großzügige Geste. Wir laufen durch einen schäbigen Tunnel auf den Bahnhofsplatz und gehen vorbei an Bushaltestellen zu einem Parkplatz. Ein VW-Bus wird aufgeschlossen und ich soll meine Sachen ablegen. "Wir schaffen Sie jetzt zur Grenze." Der Dicke guckt ernsthaft. Was sein muss, muss sein. Zehn Minuten zurück in Deutschland und ich sitze mit zwei Ordnungshütern im Dienstwagen. Abschiebehaft und Stadtrundfahrt in einem. Es geht bergab, hinter der ersten Kreuzung erblicke ich den Oderturm. Großzügige sozialistische Stadtplanung, eine Fußgängerbrücke über die Hauptstraße mitten im Zentrum der Stadt, ein Kino aus Ulbrichts Zeiten. Eine neue Welt. Wir fahren durch eine breite, hell erleuchtete Straße und biegen bei McDonald s ein zum Grenzübergang. Ein Glaspalast. Strahlend hell. Mit gelben Fensterrahmen. Genüsslich räume ich meine Sachen aus dem Auto. So freundlich können nur Deutsche sein. Man wird direkt vom Bahnhof abgeholt. "Auf Wiedersehen. Das war sehr nett von Ihnen, dass Sie mich ein Stück mitgenommen haben. Dankeschön." - "Tschüs!" Und weg sind sie. Ich schleppe mich mit schwerem Rucksack und Katze zum Kontrollpunkt, zeige unsere Pässe, überschreite die Grenze, verlasse Deutschland. Wieder. Hinter der Brücke seh ich zuerst das Hotel Europa. Ich laufe vorbei, auf der Suche nach einem neuen Zuhause.

Erschienen am 21. 4. 2001 in der Berliner Zeitung.