Süßer Wodka ist bitter
"Bitte wundern sie sich über nichts", schallt es über den Gang des 4-Sterne-Busses. Ein Möbelfabrikant aus Polen versucht seine Mitreisenden vom anderen Ufer der Oder aufzuheitern. Fehlanzeige: die Deutschen sitzen voller Zurückhaltung auf ihren Plätzen. Doch ihr Gegenüber mit Schnauzer und dunklen Brillengläsern gibt noch nicht auf. Mit hoch errötetem Gesicht verspricht er: "Das Bier ist schon unterwegs! Wir wollen doch auch Spaß haben... Oder besser einen Kaffee? Mit Cognac und zwei Löffeln Zucker? Mit einem? Warum nicht?" Der zurückgelehnte, füllige Landrat des Landkreises Oder-Spree wirkt angewidert, antwortet aber freundlich: "Wir fahren schließlich auf eine Konferenz." So sitzen die deutsche und die polnische Provinz zusammen und doch getrennt in einem Bus auf dem Weg ins weißrussische Hrodna - gleichsam Provinz- und Grenzstadt. Der arme ostbrandenburgische Landkreis, dessen letzte große Industrieanlage in Eisenhüttenstadt läuft, vereint mit einem armen polnischen Kreis, in dem vor allem Möbel hergestellt werden. "Die sind ja noch von früher unsere Partner, aus sozialistischen Zeiten", erklärt der Landrat. Nun wollen sie in Belarus noch vor dem EU-Beitritt Polens, mit dem die Außengrenze von der Oder an den Bug wandert, gemeinsam neue Kontakte knüpfen, Erfahrungen austauschen und Möglichkeiten der Kooperation erschließen. Belarus ist für alle Neuland, eine terra incognita. "Wir kieken uns das mal an", brummt der Landrat.
Doch bevor die trilaterale Konferenz beginnen kann, müssen die Protagonisten des wirtschaftlichen Aufschwungs in europäischen Randgebieten durch ganz Polen fahren. 800 Kilometer Landstraße, unterbrochen von einem symbolischen Stück Autobahn. Während unter den polnischen Mitreisenden der süße Magenbitter von klarem Wodka abgelöst wird, verfolgen die deutschen Teilnehmer auf einer Landkarte nüchtern den Weg. Dem Landrat sticht als gelerntem Landwirt die Größe der Felder ins Auge, die um so kleiner werden, je weiter der Bus nach Osten gelangt. Ein junger Amtsleiter für Kreisentwicklung meint trocken: "das wäre bei uns nicht möglich: Hochspannungsmasten über neu gebauten Wohnhäusern." Und die Kreistagsabgeordneten aus dem ostbrandenburgischen Beeskow sind ganz aus dem Häuschen, als der Bus über einen Feldweg die Unglücksstelle eines ukrainischen LKW umfährt: "Gucken Sie mal - der ist bestimmt am Steuer eingeschlafen!". Währenddessen haben einige der angeheiterten polnischen Unternehmer eine provisorische Regierung gebildet. Die Minister für Wohlbefinden, Verpflegung und Unterhaltung wurden basis-demokratisch gewählt und der fettleibige Premierminister unterhält den ganzen Bus mit Witzen à la "Wo ist bei Frauen die Leber? Geradeaus und dann links." Mangelnde Sprachkenntnisse können der Verständigung auch förderlich sein - so sitzen die Deutschen auf ihrer Seite des Ganges und betrachten ahnungslos die Landschaft. Die polnischen Organisatoren, Dolmetscher und Journalisten sind bedrückt. Sie schämen sich für die lautstarke Bestätigung von Vorurteilen über ihre Landsleute. Und schweigen.
Im Fernsehen kämpft gerade ein Polizist für die Gerechtigkeit. Die polnische Übersetzung dröhnt über der amerikanischen Tonspur. Die letzte Schlacht ist siegreich geschlagen, der Held verwundet, aber am Leben. Da erreicht der Bus die polnisch-belarussische Grenze. Neonlicht. Provisorische Blechdächer. Duty Free Shops. Wald. Nur ein gepflügter Streifen markiert die Grenze. Ein belarussischer Soldat überprüft kurz den Bus. Nach der polnischen Kontrolle werden mit strenger Miene alle Pässe eingesammelt. "Warum kommt denn der Weißrusse schon wieder?", wundert sich eine der deutschen Teilnehmerinnen, "oder ist das schon wieder der Pole?" Der lautstarke Teil der polnischen Mitreisenden singt in Gedenken an die Zeiten in der fröhlichsten Baracke im sowjetischen Lager: "immer lebe die Sonne, immer lebe die Mutter..." Eine Dolmetscherin blickt hinter ihren riesigen Brillengläsern hervor und erklärt: "Meine Herren, hier gibt es nichts zu scherzen. Ich kenne dieses Land. Entweder man ordnet sich unter oder es gibt Ärger. Wenn ich sie also um etwas Zurückhaltung bitten dürfte!" Die Teilnehmer der deutschen Abordnung sind aufgeregt: "Was machen die denn mit unseren Pässen? Das dauert und dauert." Während sie weiter rätseln, führen die Organisatoren in der kalten Nacht hektische Gespräche per Handy. Noch können sie zwischen belarussischem und polnischem Netz wählen.
Stündlich passieren die Grenze 10 bis 15 Fahrzeuge. Vor einem Fenster eine Schlange von Händlern in Trainingshosen. Junge Uniformierte kontrollieren ihre Pässe, in denen Visa Chinas, der Türkei, der Russländischen Föderation, Moldaviens, Polens, Litauens und der Schengener Staaten die Routen des Handels beschreiben. Abseits ein weiter, leerer Parkplatz. An einem entlegenen Häuschen ein Kreis und ein Dreieck - die Toiletten. Hellblaue Kacheln, hinter einer großen Kasse eine Frau mit kastanienbraunem Haar. Unter den weit nach oben gezogenen Brauen blicken freundliche Augen hervor: "300 Rubel bitte. Belarussische Rubel. Oder ein Zloty." In den Kabinen gepflegte Sauberkeit über dunklen Löchern, zwei Emailleaussparungen für die Füße, das Papier hätte man am Eingang abrollen müssen. "Viele Leute kommen nicht vorbei. In besseren Zeiten waren es vielleicht 300 am Tag. Heute sind es bis Mitternacht gerade 62, bis zum Morgen werden es kaum 100 sein". Auf Polnisch erzählt die Kassenfrau aus dem 20 Kilometer entfernten Hrodna von den Ameisen, die langsam wieder die Grenze bevölkern, Schmuggler, die kleinste Mengen Alkohol und Zigaretten, reichlich Wurst und Käse sowie Parfüm und Kleidung über die Grenze schaffen. Nachdem Polen und Belarus im September die Visapflicht eingeführt hatten, wurde es ruhig an der Grenze, an den Konsulaten bildeten sich lange Schlangen. Doch langsam kehrt der Betrieb wieder zurück. "Zusammenarbeit? Wer will denn schon mit uns Belarussen zusammenarbeiten!"
Nach zwei Stunden Warten stellt sich heraus: Der weißrussische Zoll will die mitgeführte Dolmetscheranlage nicht abfertigen: Absprachen mit den Botschaften hin oder her, sie wurde nicht richtig verzollt. Außerdem weiß der diensthabende Offizier nicht, wie man mit Kabinen, Infrarotsendern, Mikrofonen und Kopfhörern umzugehen hat - gehören sie doch nicht zum alltäglichen Zollgut. Normaler Weise würde er bis zum nächsten Schicht warten - warum sollte er den Ärger auf sich nehmen. Doch auf der anderen Seite warten schon Vertreter des Bezirks Hrodna und eine Kolonne der städtischen Miliz, um die Gäste in Empfang zu nehmen. Die Vertreter der Deutsch-Polnischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft aus Gorzów Wielkopolski, die die Anlage und einen zusätzlichen Kleinbus zur Verfügung gestellt haben, schütteln nur die Köpfe. Ihr Chef stellt den Grenzern ein Ultimatum: "In einer Stunde kehren unsere Fahrer mit der Anlage zurück nach Gorzów". Ohne Dolmetscherkabinen keine Konferenz. Ohne Konferenz keine deutsch-polnisch-belarussische Verständigung. Doch im Gespräch gibt er zu: "Vor zehn Jahren ist es an der Oder zu ähnlichen Szenen gekommen." Das Ultimatum verstreicht. Im Bus mischen sich Zynismus und Erschöpfung. "Das kann doch wohl nicht wahr sein", heißt es auf deutscher Seite. "Wirklich eine gelungene Einladung, in Belarus zu investieren", auf polnischer. Nach weiteren zwei Stunden kommt etwas in Gang. Ein Telefonat aus der Zentrale des Grenzschutzes in Minsk macht dem Warten ein Ende. Die Pässe werden verteilt, der Bus passiert die Grenze und folgt dem Blaulicht der Miliz durch den Wald. Leere Straßen, am Horizont glühen Industrieanlagen, Schornsteine dampfen. Nach 18 Stunden: Ankunft.
Erst am Morgen ist klar: die Gäste sitzen fest. In einem Erholungsheim der Nationalbank von Belarus, fernab von der alten Stadt, im Wald, in dem noch immer gebaut wird, an der Vollendung des Projekts eines modernen belarussischen Staates. In jedem Klubraum steht ein grell buntes Aquarium, in dem noch keine Fische schwimmen. Zum Frühstück gibt es Schinken, Lachs und Eierkuchen. Die Fußböden sind aus Granit, an die gemauerten Gebäude sind Pavillons aus dunklem Glas gebaut, der Rasen strahlt trotz der Jahreszeit in hellem Grün. Auf Nachfrage erfährt man von einer Beraterin des belarussischen Wirtschaftsministeriums, dass das schlechte Bild von Belarus im Ausland nur der schädlichen Arbeit der Opposition und den verantwortungslosen Medien geschuldet ist. So können sich die Gäste auf einer Rundfahrt durch eine große Kolchose in einem nahen Dorf davon überzeugen, dass wirklich alles in Ordnung ist. Die Produktion läuft, der Ort funktioniert nach dem Rhythmus der LPG und die Erzeugnisse können sich sehen lassen. Von Arbeitslosigkeit und sozialem Stillstand, wie er sich in Ostdeutschland und auch in Westpolen breit gemacht hat, keine Spur. Die Führung durch das an der Memel gelegene Hrodna fällt hingegen kurz aus. Das Schloss, in dem das polnische Parlament zum letzten mal vor der Teilung Polens tagte, die einstige Jesuitenkirche, in die vor allem Polen gehen, die über ein Viertel der städtischen Bevölkerung ausmachen, die Straßenzüge, die noch vollständig aus dem 19. Jahrhundert stammen, die katholischen und orthodoxen Klöster, die gewaltige Synagoge, deren Gemeinde heute über 20000 Mitglieder weniger als vor dem Holocaust zählt. All das wird von der jungen Fremdenführerin mit einem melancholischen Unterton gezeigt. In ihren Worten schwingt der Unmut mit, darüber, dass die Stadt kein selbstständiger Organismus, sondern ganz und gar der Bürokratie in Minsk untergeordnet ist. Danach bringt der Bus die Gruppe wieder zurück ins große Ferienlager für Funktionäre 25 Kilometer hinter der Stadt. Dort bleibt nach einem ergiebigen Abendbrot nur die Bar. Der mit Chrom, Spiegeln und dunklem Leder verzierte Raum füllt sich mit Rauch. Noch immer sitzen Deutsche und Polen an verschiedenen Tischen. Belarussen bedienen in russischer Sprache. Doch die Bar schließt um 23 Uhr. Der Heimleiter persönlich sorgt für den Zapfenstreich - er will zu seiner Familie nach Hrodna. Einige Polen hatten im Dorfkonsum mit Wodka für 2 Euro die Flasche vorgesorgt. Den Deutschen bleibt nur, für 42 Euro an der Bar eine Flasche zu erstehen, um den Tag auf den Zimmern zu begießen. Sie verirren sich zu ihren polnischen Mitreisenden, lästern über Belarus und stoßen ausgelassen an. Auf Völkerverständigung, Freundschaft und Europa.
Am nächsten Morgen steht vor dem Konferenzgebäude ein gepanzerter VW-Transporter. Eine mobile Wechselstube der Nationalbank. Mit den erstandenen Scheinbündeln kann man im Foyer silberne Sondermünzen kaufen - als Souvenir. Neben dem Stand der Gastgeber liegt Infomaterial aus Eisenhüttenstadt, Beeskow, Sulecin und anderen Orten der deutsch-polnischen Euroregion aus. Der Bezirk Hrodna bietet auf Schwarz-Weiß-Kopien den Einstieg in einen Betrieb seiner Sonderwirtschaftszone schon ab 7 Millionen Dollar an. Im rosa-rot gehaltenen Saal sind die Dolmetscherkabinen aufgebaut. Die Vorsitzenden der lokalen Arbeitgebervereine aus drei Ländern, Botschafter und Vertreter der Wirtschaftsministerien sitzen dicht an dicht auf einem Podium, den Rednern bleibt je vier Minuten zur Begrüßung. Von nun an dringen durch die wohl verzollten Kopfhörer zwei Tage lang offiziöse Verlautbarungen. Die Stichworte lauten Zusammenarbeit, Europa, Erfahrungsaustausch und nicht zu vergessen: Grenzüberschreitung. Die Übersetzer kennen die Formulierungen schon auswendig. "Für ein gemeinsames Europa." Die Teilnehmer auch. "Wir müssen die Förderprogramme der Europäischen Union nutzen." Die Empfehlung, an der deutsch-polnischen Grenze gesammelte Erfahrungen an jener neu entstehenden EU-Außengrenze zu berücksichtigen, nimmt kaum konkrete Gestalt an. Die Redner verschweigen, wie verschieden die Bedingungen an beiden Grenzen sind. Während sich in Polen und Ostdeutschland im vergangenen Jahrzehnt eine kommunale Selbstverwaltung entwickelt hat, besteht diese in Belarus vor allem auf dem Papier. Während sowohl im Landkreis Oder-Spree als auch im polnischen Partner-Kreis Sulecin kleine und mittlere Unternehmen einen entscheidenden Bestandteil der Wirtschaft ausmachen, dominieren in Belarus noch immer staatliche Großbetriebe.
Auf der nachmittäglichen Fahrt durch die Hrodnaer Sonderwirtschaftszone - ein Zusammenschluss von bereits bestehenden Industriestandorten überall in der Stadt - beharrt eine Beraterin des polnischen Wirtschaftsministers auf der Formulierung: "Belarussische Wirtschaft - das ist Kapitalismus ohne Kapital. Staatliche Betriebe werden in Aktiengesellschaften umgewandelt, die keine neuen Investitionen nach sich ziehen." Die Betriebe, durch die die Delegation geschleust werden, sind Vorzeigeobjekte, kleine Keimzellen eines maroden Organismus von stotternden Industrieanlagen. Das einzige, was Belarus derzeit zu bieten hat, sind preiswerte, gut ausgebildete Arbeitskräfte und der Zugang zu einem gewaltigen post-sowjetischen Absatzmarkt. Der Durchschnittslohn liegt zwischen 100 und 200 Dollar. Wie die ostdeutschen Reisenden auf Nachfrage erfahren: Arbeitervertretungen gibt es nicht - alles ist per Gesetz geregelt. Die belarussischen Organisatoren preisen die Bedingungen für ausländische Investoren: Steuerbefreiungen, Planungssicherheit und gesetzliche Erleichterungen werden versprochen. Doch selbst einfache Fragen nach der Zusammensetzung der Steuern - es gibt mehr als 17 verschiedene - werden nicht beantwortet. "Es ist herrlich in Belarus zu sein - alles ist wie bei uns vor 20 Jahren", meint ein polnischer Unternehmer nach der Rundreise. "Also bei uns ist so eine Fahrt früher auch nicht anders abgelaufen", meint der Landrat aus Ostbrandenburg. Dieses Gefühl verstärkt sich zu manisch-depressiver Nostalgie, als am Abend auf der Bühne des rosa-roten Saales "Ein Kessel Buntes" von den Zirkeln des Bezirkskulturhauses aufgeführt wird. Kindertanzgruppen, volkstümliche Sänger, belarussischer Tango, eine Modenschau, Balladen zur Gitarre - das alles in bester sowjetischer Estrada-Tradition in russischer Sprache. Keine Spur von Belarussisch. Die wasserstoffblonde Polin Sweta Sadowska singt den Titatic-Titelsong auf Englisch statt in ihrer Muttersprache: "damit sich die Ausländer wie zu Hause fühlen." Nach der Show werden die jungen Talente in die Stadt gefahren. Vor der Abfahrt versucht sie ein Angestellter des Heims zu überreden, eine der streunenden Katzen mitzunehmen: "Heute wurden schon fünf erschossen. Die anderen sind morgen dran." Den Gästen bleibt nur die Bar.
Schweren Kopfes rüsten sich die Teilnehmer der Konferenz für den letzten Tag. Niemand weiß so recht, mit wem er auf der Kooperationsbörse Kontakt aufnehmen soll. Unter den Deutschen sind vor allem Ingenieure eines Planungsbüros vertreten, auf polnischer Seite produziert man Fensterrahmen, Möbel und Straßenschilder. Konkret ist nur das Anliegen von Piotr Pawlina, der als Vertreter von Volkswagen Elektro Systemy, einer Tochter des deutschen Autokonzerns angereist ist. "Volkswagen beschäftigt in Gorzów Wielkopolski über 2000 Menschen und würde auch in Hrodna investieren. Aber die Ware, die dort bereits heute von 50 Arbeitern hergestellt wird, passiert einfach nicht rechtzeitig die Grenze. Während die Verzögerung zwischen Deutschland und Polen in Tagen berechnet wird, muss man sich in Belarus auf Wochen des Wartens einstellen. So kann kein westliches Zuliefererunternehmen arbeiten", meint er am Vortag gegenüber einem Vertreter der Exekutivkomitees des Hrodnaer Gebietes. Auf der Kooperationsbörse wird nun auch ein ausführliches Gespräch über die Bedingungen einer Investition gesprochen - eines den wenigen Ergebnisse der Fahrt. Am Ende der Konferenz wird von den Landräten von Sulecin, Landkreis Oder-Spree und Hrodna eine Vereinbarung über die weitere Zusammenarbeit unterzeichnet. Die Europa-Universität Viadrina will zwei Studenten aus Hrodna das Studium an der Oder ermöglichen. Und im kommenden Jahr soll es ein weitere deutsch-polnisch-belarussische Konferenz in Beeskow geben. Der deutsche Landrat versucht es noch einmal auf den Punkt zu bringen: "Das wichtigste an dieser Reise ist der erste Schritt. Die Richtung stimmt, denn Beeskow kommt nur durch solche Kontakte aus seiner Randlage heraus." Als gelernter Landwirt gilt sein besonderes Lob der belarussischen Landwirtschaft. Und zu guter Letzt fordern alle Redner die Umsetzung der Beschlüsse in die Wirklichkeit. Für die mitreisenden kleineren und mittleren Unternehmer von beiden Seiten der Oder ist klar, dass sie nicht in Belarus investieren werden. Die einhellige Meinung lautet: "Es ist zu früh, zu unsicher und zu weit."
Die Rückfahrt nach Westen verzögert sich um eine Stunde. Die Kontrolle der Zimmer hat ergeben, dass bei einer nächtlichen Privatparty ein Glas entzwei ging und nun kann an der Rezeption der Preis nicht ausfindig gemacht werden. Ein deutscher Journalist versuchte ein rosa-farbenes Handtuch als Souvenir aus dem Heim zu schmuggeln. Ein Unternehmervertreter aus Warschau verursachte einen Brandfleck in seinem Zimmer, Belarus hat er aber schon verlassen. Nach weiteren Minuten der Unsicherheit erhalten alle ihre Pässe zurück, die Reise kann beginnen. Doch halt, ein Dorfkonsum - die restlichen Rubel müssen ausgegeben werden. Eine Abordnung der zeitlichen polnischen Regierung sorgt für flüssigen Nachschub, um an der Grenze ein letztes Abendmahl mit dem demokratisch gewählten Präsidenten abzuhalten. Abseits vom Lärm der in Auflösung befindlichen Spaßexekutive unterhalten sich der Beeskower Amtleiter für Kreisentwicklung mit seiner Kollegin vom Kreis Sulecin über ihren Alltag und über mögliche gemeinsame Projekte. Noch ist die gemeinsame Sprache Englisch, doch schon werden einige Worte auf Polnisch ausgetauscht. Essgewohnheiten werden besprochen, um sich auf den nächsten Besuch einer Delegation aus dem Nachbarland vorzubereiten. Nach stundenlanger Fahrt, in denen erneut polnisch-amerkanische Videos den Bus beschallten, findet die internationale Freundschaftsatmosphäre ein abruptes Ende. Über die Fernsehschirme flackert plötzlich ein Pornofilm, minutenlang bearbeiten langhaarige blondierte Darstellerinnen die Genitalien ihrer Kolleginnen. Keiner der anwesenden Unternehmervertreter, Bürgermeister, Angestellten der Euroregion Pro Europa Viadrina, Journalisten und Dolmetscher wendet etwas ein. Erst als eine Kreistagsabgeordnete aus Beeskow aufsteht und darum bittet, den Film auszuschalten, reagieren die Fahrer. Dann stellt sich heraus dass auf einem Parkplatz ein Koffer des Organisators vom polnischen Unternehmerverband vergessen wurde. Alle sind froh, dass die Fahrt ein Ende hat.
Dieser Text erschien in der VOSS No. 2, eine polnische Fassung in der Gazeta Wyborcza vom 24.12.2003.
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