Pfade - Grodno

Unter der Oberfläche

Im Café Kuferak gibt es feinen Tee und Kaffee, die Stammgäste trinken Wein und Wodka. Weißrussische Rockmusik dringt in das Kellergewölbe. Die Sängerin Wika gönnt sich heute ein Gläschen mehr. Heiter fragt sie: "Was macht der Fremde dort in der Ecke? Du bist doch bestimmt ein Jude!" Warum gerade ein Jude, frage ich zurück. Sie setzt sich schwankend an meinen Tisch. "Weißt du, eines Tages kam mir auf dem Weg zur Arbeit ein Mädchen entgegen. Sie hielt einen Knochen in der Hand. Ein menschlicher Knochen! An den nächsten Tagen holten die Leute Schädel und Gebeine aus dem Bauschutt, der bei uns vor dem Haus in einer Kuhle abgeladen worden war. Überreste vom jüdischen Friedhof, munkelten die Leute. Ich rief meinen Kumpel an, einen von der Zeitung, wenn du willst, kann ich ihn holen."

Eine Viertelstunde später kommt Andrej Ordlianicki vorbei, ein Journalist der Wochenzeitung "Dien". Ein ruhiger, fülliger Typ. Er bestellt einen Tee. Dann erzählt er: Vom altem Grodno, das vor dem Krieg fünfzigtausend Einwohner zählte, dreißigtausend davon Juden. Im Winter 1941 wurden sie in zwei Gettos gepfercht. Allmählich wurden diese liquidiert – die Züge fuhren nach Treblinka und Auschwitz. Von den zweihundert Überlebenden wanderten fast alle über Polen nach Israel und in die USA aus. Als 1963 der große jüdische Friedhof einem Stadion weichen sollte, war niemand hier, der hätte protestieren können. Und es war gefährlich, die Vorkriegszeit überhaupt zu erwähnen. Nur die verfallenden Synagogen erinnerten an eine reiche, alte Gemeinde. Nun dienten sie als Sportsäle, Lagerräume, Wohnheime und Werkstätten.

Als Wika nach dem Knochenfund anrief, begann Ordlianicki zu recherchieren. Das Stadion sollte erweitert werden. Der Präsident läßt überall im Land Sportobjekte errichten. Die jüdische Gemeinde kämpfte für ein Ende der Bauarbeiten und die Umbettung der Gebeine aus dem Wohngebiet auf den jüdischen Friedhof am anderen Ufer der Memel. Und es tuschelte die ganze Stadt, dass in einem nahen Kindergarten Meningitis ausgebrochen sei – der Virus halte sich bis zu achtzig Jahre. Warum der Friedhof einst größer war als das ganze Stadion wurde von niemandem erwähnt. Am Jahrestag der Liquidation des Gettos rief selbst die jüdische Gemeinde nicht zum öffentlichen Gedenken auf – zu verletzlich fühlen sich die wenigen Mitglieder.

Wika nimmt den Arm von Andrejs Schulter. "Ach Jungs, sagt mir Bescheid, wenn ihr über etwas Interessantes redet."