Akkordarbeit im Zug
Für Mitia ist Grodno eine Grenzstadt. Und die Grenze beginnt direkt im Bahnhof. Hinter einer Glastür liegt die Halle des Zolls. Die Uniformierten winken ihn durch. Vor dem Duty-Free-Shop werden Taschen mit Zigaretten und Alkohol gefüllt. Draußen wartet ein Vorortzug. Er fährt nur 25 Kilometer, bis zur polnischen Grenzstation Kuznica. Auf dem Weg werden die Zigaretten aus den Stangen genommen. Die Frauen verstauen die Ware unter ihren BHs, sie verschwindet in Hosenbeinen, am Bauch, im Schritt. Männer schrauben auf, was von der Verkleidung des Zuges geblieben ist.
Draußen taut der Schnee. Der Zug fährt auf der eingleisigen Strecke vorbei an den Anlagen, an denen früher die Achsen der Fernzüge gewechselt wurden. Auf der Strecke von St. Petersburg über Wilna nach Warschau machten wenige Zentimeter Unterschied im Gleisbett die Grenze zwischen Ost- und Westeuropa aus. Doch dieser Unterschied ist nicht mehr von Belang, die Anlagen sind längst verrottet. Die internationalen Züge fahren nicht mehr durch Grodno. Mit dem Transitvisum ist es für Ausländer zu teuer, durch Belarus zu reisen.
An der Grenze springen Soldaten aus dem Triebwagen. Mitia bereitet sich auf die Kontrolle vor. Der polnische Zoll kennt seine Pappenheimer, läßt sie aber gewähren, wenn sie nur geschickt handeln. Es sei denn, er hat schlechte Laune. Aber die Schmuggler erfahren schon vor der Abfahrt am Bahnhof, in welcher Stimmung die Zöllner sind entsprechend kaufen sie die Ware ein.
In Kuznica wieder hektisches Treiben. Es gilt, Zigaretten und Wodka hinter dem Rücken der Bahnpolizei möglichst schnell an polnische Händler loszuwerden. Der Verdienst beträgt einige Euro. In einer Stunde fährt der Zug zurück. Im Bahnhof verteilen Frauen Jeans, Mobiltelefone, Handtücher und Wurst an die Berufspendler. Nach der Kontrolle auf dem Bahnsteig werden schnell die restlichen Zigaretten aus den Verstecken geholt. Die Päckchen kommen in große Taschen, und als der Bahnhof außer Sichtweite ist, landen sie hinter den Rangiergleisen. In Grodno angekommen, übergibt Mitia die Ware und kauft ein Billett für den nächsten Zug nach Kuznica.