Pfade - Grodno

Ein weißrussisches Drama

Die Ränge des Grodnoer Theaters sind gefüllt, die Jugendstilbrüstungen schimmern golden. Auf der Bühne eine Karte von Weißrussland. Grodno liegt im Nordwesten. "'Die Hiesigen', ein Lustspiel von Janka Kupala", tönt es aus den Lautsprechern. Die jungen Zuschauer sind nicht zum ersten Mal hier. Die Ansagerin erklärt auf Weißrussisch, dass das Werk in der Sowjetunion verboten war und nun schon im dreizehnten Jahr der Unabhängigkeit gespielt wird. Vor die Silhouette einer provinziellen Stadt treten fröhlich anmutende Puppen: Weißrussische Bauern, Lehrer, Adelige, Proletarier und Spekulanten während des Ersten Weltkriegs. Es folgt ein aberwitziges Hin- und Her: Der Abzug der kaiserlichen Truppen, der Einmarsch der Roten Armee, der Einritt der polnischen Kavallerie und die Rückkehr der Bolschewiki. "Die Hiesigen" wissen, was zu tun ist, wenn die Machthaber wechseln. Portraits von Marx und Lenin stehen schon bereit, während die Wände noch Ikonen schmücken. Und wenn es mal anders kommt – ein "Hiesiger" läßt sich durch nichts aus der Ruhe bringen.

Wiktar Szolkiewicz, einer der Puppenspieler, ist müde von den "Hiesigen" nach so vielen Jahren. Aber er spielt weiter, weil sie das Schicksal seines Landes so deutlich zeigen. Dabei weiß er selbst nicht genau, ob er nun Weißrusse, Pole oder Jude ist. Die Lieder, die er zur Gitarre spielt, werden hier wie in Polen gesungen. Nach den fröhlichen Eskapaden der Miniaturweißrussen klingt der Abend harmonisch aus – als hätte sich Janka Kupalas Vision der unerfüllten Nation heute nicht bewahrheitet. Doch nach einigen Minuten strömen die jugendlichen Zuschauer zurück in den Saal. Sie rufen Wiktar Szolkiewicz auf die Bühne. Er fordert sie auf Weißrussisch auf, nachzudenken, was dran ist an dem Klassiker. Man müsse doch wissen, wer man sei! Und die eigene Sprache sprechen, eine eigene Meinung haben. "Wer soll denn dafür sorgen, dass sich hierzulande etwas ändert, wenn nicht ihr? Oder wollt ihr etwa wie eure Eltern immer den Arm heben, wenn man es von euch verlangt?"