Pfade - Grodno

Ein post-sowjetisches Mitteleuropa

Grodno klingt sowjetisch: Die Trolleybusse rattern hier, zwanzig Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, wie früher in der Sowjetunion. Die Jugendlichen im Park hören die gleichen Lieder wie die Rocker in Moskau, Kasan oder Novosibirsk. Lenin weist auch hier noch stumm vom Sockel den rechten Weg. Aus dem Radio schallen die demagogischen Ansprachen des Präsidenten. Die weißrussische Stadt spricht russisch.

Doch der Klang trügt. Traut man seinen Augen, erblickt man eine alte europäische Stadt – die von den Jesuiten errichtete Barockkirche, die Türme der einst unierten orthodoxen und katholischen Klöster, die reich verzierte Fassade der Synagoge und der schlichte Eklektizismus der evangelischen Kirche. Die mit zweistöckigen Bürgerhäusern bebauten Straßenzüge aus dem 19. Jahrhundert sind keine Illusion. Die Schlösser der polnischen Könige und litauischen Großfürsten wurden oft zerstört, doch der Burgberg liegt bis heute malerisch über dem Ufer der Memel. Die Spuren der Vergangenheit bilden keinen Kontrast zur neuen Stadt, die sich nach dem Großen Krieg um die Altstadt legte. Beide gehen ineinander über.

Aus der Innenstadt fährt der Trolleybus in den äußeren Ring durch Siedlungen alter Holzhäuser. Dann die Neubaugebiete: große Plattenbausiedlungen mit Kindergärten, Schulen und Kaufhallen. Auf den zweiten Blick werden feine Unterschiede sichtbar. Nicht nur die Farben der Fassaden und die Formen der Balkone sind verschieden. In der Anonymität der Hochhäuser markieren die Katholiken mit Kreide ihre Wohnungstüren: K+B+M 2004. Am Stadtrand steht eine neue Schule der polnischen Minderheit mit dazugehöriger Kirche. In das Einheitsrussisch des Alltags mischt sich ein Singsang aus Polnisch, Weißrussisch und dem, was man hier "trasianka" nennt, die Sprache der Hiesigen.