Pfade - Grodno

Fünf Sprachen

Hirsz Hassid ist einer der wenigen Bürger der untergegangen Stadt Grodno, die heute noch in Hrodna leben. Zu Hause in der Kate am Ufer der Memel sprach er mit seinen Eltern nur Jiddisch. Die Straßen waren in polnischer Sprache beschildert, auf dem Amt wurde Polnisch gesprochen. Auf dem Weg zur Schule wurde er von Kindern mit Steinen beworfen, eines Tages auch verprügelt - weil er Jude ist. In der Schule lernte er Hebräisch lesen und schreiben, um die Thora zu studieren. Das Land Israel lag zwar in weiter Ferne, doch war ihm Jerusalem vertrauter als die Hauptstadt der Polnischen Republik. Seine Zeit in der zionistischen Jugendbewegung brach jäh ab, als die Rote Armee in Grodno einmarschierte. Hirsz trat in den Komsomol ein und lernte Russisch. Doch bald wurde die Stadt von der deutschen Wehrmacht eingenommen und er lernte erneut eilends die Sprache der Besatzer. Als im November 1941 die zwei Grodnoer Gettos eingerichtet wurden, war dies ein Gebot des Überlebens. Während er sich auf dem Hof des Gestapo-Quartiers bei einem polnischen Fleischer als Gehilfe verdingte, durften seine Eltern das Getto II hinter den Bahngleisen bereits nicht mehr verlassen. Im Winter 1942 zogen sie in einer Kolonne in Richtung Kielbasino, dem Konzentrationslager hinter der Stadt. Von dort wurden sie in Züge nach Treblinka getrieben. Aus einem solchen Transport sprang Hassid, überlebte die Flucht und schloss sich in den weißrussischen Wäldern einer Partisanengruppe an, in der Jiddisch gesprochen wurde. Nach dem Krieg kehrte er in die Stadt seiner Kindheit zurück - der Freude über die Rückkehr folgte das Entsetzen. Von den fünfundzwanzigtausend Grodnoer Juden hatten zweihundert überlebt, er war der einzige in seiner Familie. Die jüdische Stadt hatte aufgehört zu existieren. Die meisten der verbliebenen Bürger Grodnos verließen die Stadt in Richtung Polen. Später entstand um die abgestorbene Hülle der alten Stadt eine sowjetische Industriestadt. Hassid arbeitete hier als Lehrer - die Unterrichtssprache war Russisch. Zu Hause hörte er heimlich israelische Sender. Auf den Wellen von Radio Liberty lernte er Englisch. Auf Jiddisch und Hebräisch trat er in Kontakt mit Überlebenden der Schoa in New York und Jerusalem. Während in der sozialistischen Stadt alle Spuren der untergegangenen Stadt unter Oberfläche verschwanden, las er die im Ausland erschienen Memoiren und studierte die Akten der Prozesse gegen deutsche SS-Männer, die den Tod in den Gettos verwaltet hatten. Als nach Jahrzehnten die Zeit des Umbruchs gekommen war, gründete er mit den wenigen noch lebenden Grodnoer Juden und den jüdischen Einwanderern aus dem Inneren der Sowjetunion eine kulturelle Vereinigung. Seit 1991 erinnert eine Gedenktafel auf Russisch und Hebräisch an den Eingang zum Getto I. Die Stadt gehörte von nun an zur Republik Belarus und heißt seit dem Hrodna. Doch sie sprach weiter Russisch. Als ich Hirsz Hassid in seinem neunzigsten Frühling traf, zeigte er gerade jungen amerikanischen Ashkenazi die Synagoge. Er sprach mit ihnen Englisch, da sie Jiddisch nicht verstanden. Beim Pessachfest in einer Turnhalle am Rande der Stadt erzählte er mir auf Polnisch über das alte Grodno, die Zeit der Gettos, die sowjetische Stadt und das heutige Hrodna. Für ihn ist die Stadt heute ein einziger Friedhof. Aus irgendeinem Grunde ist er hier geblieben. So spricht er fünf Sprachen, und in jeder erinnert er sich an eine andere Stadt.

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