Kein Grenzland in Sicht
Der mittlere Lauf der Oder markiert nicht allein die Grenze zwischen
zwei Staaten. Hier verläuft die scheinbar scharfe Trennlinie
zwischen zwei Völkern, zwei Sprachen und zwei Religionen. Auf der
einen Seite leben heute fast ausschließlich Polen, auf der
anderen eine große Mehrheit von Deutschen. Letztere sprechen kein
Wort Polnisch und ihre Kirchen stehen leer, während in polnischen
Schulen Deutsch gelehrt wird und die Kirchen noch immer gefüllt
sind. So erscheint es hier als natürlicher Zustand, dass sich
Deutsche und Polen fremd sind – sie haben in jenem Land hinter der Oder
nie gemeinsam gelebt, sie sprechen keine gemeinsame Sprache, sie teilen
keine Schutzheiligen. Das Besondere an diesem Grenzland ist also, dass
es kein Grenzland ist. Es fehlt der Übergang, die Durchmischung,
die Erfahrung des Konflikts, der gemeinsamen Not.
Über Jahrzehnte war die gegenüber liegende Seite tabu. Noch
heute wird in den deutschen Städten am 11. November ausgelassen
der Beginn der Faschingszeit gefeiert, während östlich der
Oder dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Schaffung eines
unabhängigen polnischen Staates gedacht wird. Und doch gibt es
einen Übergang, dessen größter Sprung durch die Oder
markiert wird: das Wirtschaftgefälle. Während sich an den
Nadelöhren der Grenzstädte noch relative Prosperität
zeigt, ist der Unterschied vom westlichen Hinterland, das noch immer
von der Stärke der gesamtdeutschen Wirtschaft zehrt, zum
östlichen enorm. Der bescheidene Wohlstand Brandenburgs geht mit
einem der krassesten Wohlstandsgefälle Europas in die Armut vieler
Dörfer des Lebuser Landes über.
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