Grenzen im Fluss
So war die Urerfahrung der Neuankömmlinge, in einer verbrannten
Landschaft und in fremden Häusern zu leben. Fanden sie ein
unversehrtes Haus, traten sie in die soeben verlassene Welt einer
deutschen Familie. Im Schrank duftet frisch gemangelte Wäsche, das
Bett ist gemacht, in der Kommode liegen die Sommerkleider der
Hausherrin. Doch wie ist die Apparatur im Badezimmer zu bedienen? Wohin
mit dem Vieh? Für die aus Ost- und Zentralpolen stammenden
Vertriebenen und Siedler waren die Häuser, Maschinen und
Geräte im neuen Westen fremd. Was sie kannten, wurde verwendet,
anderes verrottete. Viele Familien glaubten nicht, dass sie länger
bleiben würden, mancher Koffer war noch Monate später
gepackt, das Phänomen der Zeitweiligkeit, das Gefühl, hier
nicht herzugehören, hielt noch Jahrzehnte an. Und doch
gründeten sie mit der Zeit neue katholische Friedhöfe, die
protestantischen und jüdischen Nekropolen verwitterten, in den
1980er Jahren wurden die meisten eingeebnet. Um den Beginn in der
Fremde zu erleichtern, erklärten die Funktionäre
unablässig, dass es sich um urpolnische Gebiete handle, die
endlich zurück in den Schoß der Heimat gekehrt sind.
Währenddessen verharrten viele deutsche Vertriebene am linken
Oderufer, einige hofften noch lange auf eine Rückkehr. In der
Mitte des verschwundenen Marktplatzes von Krosno Odrzanskie steht heute
ein Betonmonument mit der Aufschrift: wir waren, wir sind, wir werden
sein. Bisher umfasst dieses wir nur die polnischen Bewohner.
Die Nachkriegsordnung favorisierte ein Prinzip der natürlichen
Grenze, welche sich in der Tiefebene allein an Flüssen orientieren
konnte. So wurde aus der Aorta der Region ein fließender Keil.
Der vom Krieg markierte Abbruch aller Verbindungen wurde nicht wieder
rückgängig gemacht. Was für andere Landschaften die
Ruinen von Schlössern und Burgen sind, stellen hier gesprengte
Brücken, abgebrochene Straßen, stillgelegte Fähr- und
Schiffsanlegestellen dar. Die alten Oderarme, Inseln und Halbinseln, an
denen einst Ruderclubs und Badestellen lagen, wurden zum Sperrgebiet.
Erst in den 1990er Jahren entstanden neue Brücken, ein paar
Ausflugdampfer verkehren nun zwischen dem Schiffshebewerk Finnow und
Eisenhüttenstadt, das Hotelschiff Chopin bringt im Frühling
westdeutsche Vertriebe flussaufwärts nach Schlesien. In Karl
Schlögel hat die Oder einen Barden gefunden, der sie mit Vorliebe
und nicht ohne Pathos besingt. Wenn der Pegelstand es erlaubt, geht er
mit Gästen aus aller Welt an Bord der MS Fürstenberg auf die
Reise nach Lebus. Der Kapitän des Familienunternehmens hat einen
Lotsen angeheuert – ihm selbst wurde nach einer Oderspritztour mit 3,6
Promille der Bootsschein entzogen.
Die Hoheit über das Gewässer hat der Bundesgrenzschutz, der
den Flusslauf von der Neißemündung an mit Schnellbooten,
Streifenwagen und Infrarotkameras kontrolliert. Parallel zu dieser noch
immer bestehenden unsichtbaren Mauer der Festung Europa verläuft
ein Betonstreifen für die Einsatzwagen – der schönste
Fahrradweg weit und breit. Die Natur hat sich in den Jahrzehnten nach
dem Krieg den Raum zurückerobert, sie ist die stille und grausame
Herrscherin der Grenze. So schwemmt der Strom jedes Jahr die Leichen
ertrunkener Flüchtlinge an seine Ufer.
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