Pfade - Europa

Viadrina - viele Orte in einem

Für mich bedeutet die Viadrina alles mögliche. Mensaessen, Semestereröffnungsparties, Scheine sammeln, Lernen, Perspektive, Arbeitsort und Ärgernis. Ich treffe hier faszinierende Menschen, studiere bei spannenden und anstrengenden Professoren, begebe mich in widersprüchliche Situationen, lebe in zwei gebrochenen Städten, spreche Deutsch, Polnisch und Russisch, denke darüber nach, wie man die elende Binationalität überwinden kann und versuche gleichzeitig normaler Deutscher zu sein. Deshalb nehme ich die Einrichtung sehr ernst, sonst würde ich mich nicht ständig über sie ärgern. Was mich stört bezieht sich zumeist auf meine Erwartungen an das kulturwissenschaftliche Studium und an die strahlende Europa-Universität. Während ich mich immer wieder über die und jenes echaufiert habe, ist mir aufgefallen, dass es die Universität als solche gar nicht gibt. Gleichzeitig bemerkte ich, dass ich selbst dazu gehöre, dass eigentlich alles von den einzelnen Studenten, Professoren und auch Verwaltungsangestellten abhängt. Studieren an der Viadrina ist also wie im richtigen Leben. Deshalb sind es auch ganz unterschiedliche Orte die sich in einem vereinen. Die Universität durch verschiedene Stadien zur gleichen Zeit. Einige möchte ich an dieser Stelle beschreiben.

Ort des Schweigens

An der Viadrina spricht man nicht miteinander. Jeder ist mit seinen Angelegenheiten beschäftigt und fast alle sind froh, sich zurückziehen zu können: an den Lehrstuhl, ins Wohnheim oder nach Berlin. Die Kuwis sprechen nicht mit den Wiwis, die Anhänger der Postmoderne nicht den Traditionalisten, die Adam-Mickiewicz-Universität schweigt gegenüber der Viadrina, die Linken sprechen nicht mit den Rechten, die Altachtundsechziger unter den Professoren reden nicht mal miteinander, die Polen wollen nichts von den Deutschen hören, die Ostbrandenburger nichts von den Stuttgartern, die Russen sind am liebsten unter sich, in vielen Seminaren herrscht eine Kultur des Schweigens. In der europäischen Festung der Verständigung sind die Räume für Gespräche noch nicht festgelegt, die Praktiken der Kommunikation noch nicht eingeübt. Die Folge ist, dass viele Polen die gemeinsame Sprache Deutsch nach ihre Studium mündlich schlechter beherrschen als davor. Polnisch lernen nur wenige Deutsche so gut, dass sie sich in dieser Sprache verständigen können. Englisch funktioniert als lingua franca nur in den seltensten Fällen. Viele Professoren wissen nicht, was ihre Kollegen im Schilde führen. Über die Schwierigkeiten beim gemeinsamen Studieren, Arbeiten und Wohnen wird selten offen gesprochen.

Produkt Viadrina

Die Viadrina ist in erster Linie eine Marketingunternehmung. Sie existiert nur deshalb, weil es derzeit in Deutschland einen erhöhten Bedarf an preiswerten Vorzeigeobjekten gibt, die ausreichend symbolträchtig sind, um sie für die westeuropäische Mobilmachung nach Osten zu instrumentalisieren. So muß die Viadrina seit fast zehn Jahren als Musterbeispiel für die deutsch-polnische Verständigung herhalten. Sie gilt als Brückenuniversität. Ihr Ruf ist international. Es gibt kaum eine Universität dieser Größe, die in Deutschland innerhalb von zehn Jahren ein solches Renommee erlangt hat. Staatsoberhäupter, Botschafter und Nobelpreisträger geben sich die Klinge in die Hand. Sie kommen, um zu verkünden, dass es noch viel zu tun gibt, aber dass die Vision von Europa hier an der Viadrina schon verwirklicht worden ist. Danach gibt es je nach Laune privater Spender ein mehr oder minder beschauliches Buffet und die großen Europäer fahren in schwarzen Limousinen in Richtung Autobahn ab. Zurück bleiben Studenten und Professoren, die wahlweise zum Regionalexpress nach Berlin eilen oder in Frankfurt nächtigen. Die einen wähnen sich bereits in der Hauptstadt des neuen Europa und in anderen glauben sich an vorderster Front der EU-Osterweiterung.

Kaderschmiede Viadrina

Wenn an der Europa-Universität etwas auf hohem Niveau passiert, so sind es die Vorbereitungen polnischer Studenten für ihre Tätigkeit in deutschen Unternehmen. Ob Volkswagen, PriceWaterhouseCoopers oder die Sparkasse – sie brauchen alle Kader, die in der Lage sind, ihre jetzigen und zukünftigen polnischen Tochterunternehmen zu managen. Dafür braucht man nicht nur zweisprachige Mitarbeiter, sie müssen auch nach deutschen Maßstäben sozialisiert sein. Dafür bietet die Viadrina einen interessanten Pool an. Jeder polnische Student, der sich aber nur annähernd für sein Fachgebiet interessiert und lernt, sich in Deutschland zu bewegen, kann sein Studium so ausrichten, dass er danach spielend Arbeit bei einer deutschen Firma findet.

Andererseits sammeln sich hier die Polenkarrieristen unter den Deutschen. Zivildienstleistende, Austauschschüler, Freaks und Narren. Sie kommen ganz gezielt an die Viadrina, um ihre Kompetenzen in Richtung Polen auszuweiten, Kontakte zu knüpfen und vor Ort präsent zu sein. Sie arbeiten schon heute im Bundestag, für internationale Organisationen und für große Firmen. Egal, ob sie sich im Bereich Steuerrecht, Kulturmanagement, Gewerkschaftspolitik oder Betriebswirtschaft spezialisieren. Sie werden in fünfzehn Jahren an den entscheidenden Schaltstellen deutsch-polnischer Angelegenheiten sitzen.

Wohnheim Viadrina

Deutsche und Polen wohnen zusammen. Und sie feiern zusammen. Und manchmal studieren sie auch zusammen. Gemeinsam widmen sie sich all diesen höchst selten. Aber dennoch kommt es zu sogenannten Begegnungen. Ein guter Ort für deutsch-polnische Begegnungen ist der Hof. Nicht irgendein Hof, sondern der Hof, der inzwischen im immernoch selten gesprochenen polnischen Dialekt Viadrinisch Einzug gehalten hat. Es handelt sich um den Innenhof im Studentenwohnheim in der ulica Pilsudskiego. Wenn der gute alte General wüßte, was sich dort jede Nacht abspielt, würde er sich nicht nur im Grabe umdrehen, er würde aufbrechen zum Sturm an die Oder, um so manches Wunder zu vollbringen. Laute Musik, Tanz bis zum Morgengrauen, Bier bis zum Umfallen – die Parties auf dem Hof sind bekannt und berüchtigt. Hier kann man Polnisch lernen, hier kann Mann seine zukünftige Gemahlin finden, hier unterhält man sich über Gott und die Welt, hier feiert man jeden Tag und jede Nacht. Und man ist stolz darauf. Weil die Polinnen so schön sind. Und weil der polnische Wodka so gut ist. Und weil die Polen viel besser feiern können, als die Deutschen. Doch die deutsch-polnischen Begegnungen auf dem Hof sind bedroht. Zuerst schienen die Deutschen auszusterben. Dann wurde eine Quote eingeführt. So werden nun immer 10 % Inhaber deutscher Pässe im Wohnheim präsent sein. Der Rest, ethnisch reine Polen, teilen sich in Studenten des Collegium Polonicum und in Viadrina-Studenten. Schon bald, wenn kein polnischer Viadrinastudent mehr in der ulica Pilsudskiego wohnt, hört die Zeit der großen Begegnung auf.

Nette Viadrina

Die Viadrina ist ein Ort, an dem von Natur aus politische Korrektheit herrscht. Eine Universität, die eine so humanitäre Vision verkörpert, wie es die Idee der europäischen Integration zu sein scheint, eine Institution, die förmlich zum Symbol der Brücke zwischen den Völkern mutiert ist, sollte heutzutage auch brav und nett zu allen sein. Überhaupt sollten alle nett miteinander sein. Deshalb hört man auch so oft, wie nett es hier sei, die Professoren seien nett, die Wohnheime nett, die Kommilitonen nett, das Essen nett, die Parties nett, die Verständigung nett und die Stadt sei eigentlich auch nett. Es ist angenehmer, sich der Belanglosigkeit netter Veranstaltungen hinzugeben, als auszusprechen, dass etwas nicht gut läuft, sich einzugestehen, dass man jemanden nicht leiden kann, laut zu sagen, was man nicht versteht. Alles ist nett, solange es sich im grünen Bereich moralistisch linksdenkender Hippiekultur bewegt. Wenn jemand etwas gegen Polen sagt, oder andeutet, dass nazis auch Menschen sind, beginnt die sonst eher zurückhaltende, kulturwissenschaftlich geprägte Masse der politisch Korrekten aufzubrausen. Dass Gorzow vor etwa 60 Jahren zum Regierungsbezirk Frankfurt (Oder) gehörte und Landsberg hieß wissen die wenigsten von ihnen. Vielleicht, weil sie keine Ahnung haben, aber auch weil es anrüchig ist, darüber zu sprechen. Es gibt immer noch Menschen, die die Augen verdrehen, wenn man das Wort Grünberg in den Mund nimmt. Die allseits gepriesene Normalität entspricht dem Status gegenseitiger Achtung, nicht aber der Gleichberechtigung. Erst wenn sich Deutsche und Polen sagen, wie scheiße sie sich finden, können sie sich näher kommen als bisher.

Café Viadrina

Die Europa-Universität hat neu angefangen. Die Bibliothek und die Archive der alten Viadrina stehen in Wroclaw, das historische Gebäude wurde gesprengt. Aber auch das Erbe der vormals von der Gestapo und vom Rat des Bezirkes genutzten Gebäude in der Scharrnstraße scheint verloren. Es gibt keine sichtbaren Spuren der Vergangenheit. Der DDR-Muff wurde desinfiziert, zu den Verbrechen der Gestapo fehlt jeder Hinweis. Neue weiße Wände tragen jetzt das Haus, die Türen sind aus Glas, die Bibliothek ist lichtdurchflutet. Die gelbe Kaserne in der August-Bebel-Straße ist kalt und sachlich. Zum Verweilen lädt einzig eine Raucherecke ein, durch Zufall sind hier einige alte Sessel stehen geblieben. Die Atmosphäre ist eigen, es ist nicht kahl. Einen solchen Ort gibt es auch im Flachbau in der Logenstraße. Die Caferteria wird von einer Glasmalerei beschirmt, durch die nur ein dunkler Lichtschein zu den runden Tischen dringt. Die Stimmung scheint düster, aber die Studenten sitzen gerne hier, halten die von der DDR-Volkskunst erzeugte Spannung aus. So trifft man hier polnische, russische, ukrainische, iltalienische, französische Studenten, die mehr verbindet als die Zigarette in der Pause zwischen den Vorlesungen. Sie reden über Fellini, polnisches Steuerrecht, die Moskauer Ukrainepolitik, die Badesaison an der Helene, die neuste Inszenierung an der Schaubühne und über die Fahrpläne der Frankfurter Straßenbahn. Sie besprechen ihre Hausarbeit über Hexenverfolgung in der frühen Neuzeit, über Erfassung von Kleinkriminalität im deutsch-polnischen Grenzbereich und über eine langfristige Marketingkonzeption des Kleist Forum. Sie lästern über ihre Kommilitonen, sie regen sich über ihre Professoren auf. Eines Tages hat jemand die Spannung des Raumes nicht ausgehalten und in die Malerei ein großes Loch gekratzt. Die Welt scheint dahinter weiter zu gehen.

Dieser Text erschien zum Jubliäum der Viadrina in der Märkischen Oderzeitung.