Pfade - Europa

Es gibt kein Entrinnen -
russischer Pop auf dem Weg nach Westen.

St. Petersburg, Sommer 2001.

Über den Obwodny-Kanal schiebt sich ein Gewitter. Am Ende der Straße zum "Warschauer Bahnhof" stehen Kioske für Proviant. Die Reise geht nach Südwesten. Aus einem Kiosk dringt Popmusik: "Odni Aerodroma. My ubezhym. Nas nie dogoniat" – "Sag nur: wir sind weiter zu zweit. Nichts als Flughäfen. Wir verschwinden. Sie holen uns nicht ein." Es ist schwül. Bevor der Regen beginnt, fährt der Zug ab. Die Musik bleibt zurück.

Warschau, Winter 2001.

Zwischen Warschau und Wilna wollen sich in der kleinen Stadt Sejny Künstler und Akademiker treffen, ehemalige Dissidenten, die heute Botschafter sind: aus Litauen, Ungarn, Polen, der Ukraine und Weißrussland, um über die Zukunft Mitteleuropas zu sprechen. Ihr Mitteleuropa reicht von Wilna nach Sarajevo, von Warschau über Budapest bis Bukarest, Deutschland gehört nicht dazu. Der Bus, der die Gäste aus Warschau in die Provinz bringen soll, fährt entgegen aller Annahmen pünktlich vor dem Kulturpalast los, während der Eurocity aus Berlin fünf Minuten Verspätung hat. Der Zubringer nach Mitteleuropa ist ohne deutsche Zaungäste abgefahren. Es ist kalt in Warschau. Aus einem Schnellimbiss dringt Popmusik. "Nas nie dogoniat – sie holen uns nicht ein." Im Fernsehen läuft ein Video mit zwei Mädchen, die leicht bekleidet in einem russischen 40-Tonner vor ihren Eltern flüchten. "Fort von ihnen, weg von zu Hause. Die Nacht unsere führende Hand. Versteck unsere Schatten hinter den Wolken." Russische Popmusik auf polnischem Boden, nur wenige Zugstunden vom geistigen Zentrum Mitteleuropas entfernt.

Słubice, Grenzstadt zu Frankfurt an der Oder, Ostern 2002.

Im Multifunktionsrestaurant "Belfast" kann man polnische Küche genießen oder sich am Kamin bei lauter MTV-Musik unterhalten. Am einen Ende des Lokals liegt der Eingang zum Night Club "GoGo". Am anderen befindet sich eine große Schiebetür, hinter der sich eine glitzernde Zauberwelt namens "Copa Cobana" eröffnet. Dort ist nach Karfreitag zum ersten Mal Diskothek. Eintritt für Mädchen frei. Sie sitzen aufgereiht auf schwarzen Kunstledersofas. Nierentische fluoreszieren, die Tanzfläche glänzt zwischen bunt angestrichener Bar und einem riesigen Spiegel. Der DJ sagt die Musik an. Er nimmt auch Wünsche entgegen. Nach einer Reihe amerikanischer Hits aus dem vergangenen Jahr erklingt - Nas nie dogoniat. Plötzlich füllt sich die Tanzfläche. Die Musik dringt durch die Fenster nach draußen in die Nacht. Bis ans deutsche Ufer, wo nur die Leuchtschrift des ODERTURM zu sehen ist, gelangt sie nicht. "Sie werden uns zu nichts zwingen. Sie können die Sterne mit Händen nicht erreichen."

Słubice, Sommer 2002.

"Nas nie dogoniat" – auch nicht in Słubice. Ob in der Wechselstube, am Taxistand, im französischen Supermarkt, beim Friseur, auf der Polizei oder im "London Pub" - das Lied hat die Grenzstadt in seinen Bann gezogen. Stündlich dröhnt eine Bassversion des russischen Liedes aus einem Auto auf den Platz der Freundschaft. Was hat es mit diesem Lied auf sich? Nach Rumänien, Bulgarien, in die Ukraine und nach Weißrussland ist das Lied schon gelangt. "Nas nie dogoniat" nur im mittleren Westen ist es nicht nicht angekommen. Das Pop-Duo t.A.T.u. – eine Abkürzung für "diese liebt jene" – war schon 2001 der Sommerhit für ganz Rußland, die Ukraine und Moldawien. Die Moskauerinnen Julia Wolkowa, 17, und Lena Katina, 18 Jahre alt, eroberten den den russisch-sprachigen Musikmarkt mit einer Mischung aus Schulmädchengesichtern, provokanter Homosexualität und professionell produzierter Popmusik. Ihre erste Platte wurde über 1,2 Millionen mal verkauft. Die Single "Ja soschla s uma – Ich bin verrückt geworden" gelangte in der Slowakei, Tschechien, Bulgarien und Polen im Oktober 2001 an die Spitze der Radio-Charts. Die beiden Sängerinnen spielen gerade mit dem Starproduzenten Trever Horn eine englische Version von "Nas nie dogoniat" ein. Und Deutschland? Gibt es eine slawisch-germanische Sprachbarriere?

London, Winter 2002.

Nur wenige Minuten vom Bahnhof Oxford-Street liegt die Disco-Bar "Nu Pogodij". Die sowjetischen Comicfiguren Hase und Wolf sind schon von weitem vor dem gelben Hintergrund der Leuchtreklame zu erkennen. Hier arbeitet Ralf, ein Aserbaidschaner, der vor zwei Jahren aus Baku über Nordrhein-Westfalen nach London kam. Taucht am späten Abend ein Deutscher auf, um ein Bier der Marke "Baltika" zu trinken, begrüßt er ihn freundlich mit dem Hitler-Gruß: "Azerbajdzhaner und Deutsche sind Brüder! Wir haben beide einen Krieg gegen die Russen verloren." An den Holztischen sitzen verblichene Schönheiten bei Bier und Pistazien. Ab und zu kommen Schönlinge aus der türkischen Nachbarschaft vorbei und gucken sich ein Grüppchen aus, das nun nach allen Regeln der Kunst verführt wird. Besteht Aussicht auf Erfolg, so wird eine Flasche Krim-Sekt geordert. Der DJ spielt einen Hit von t.A.T.u. nach dem anderen: "Sie werden uns nicht einholen", "Knabe - Gay", "Ich bin nicht Deine erste"

London, Winter 2003.

Im Radio die englische Version von Nas nie dogoniat zwischen amerikanischem und britischem Pop. t.A.T.u. ist im Westen angekommen. "Alles wird einfach. Und Leere an den Kreuzungen. Und die Leere holt uns nicht ein. Sag nichts. Sie werden es nicht verstehen." Die Band hat in Großbritanien einen Skandal ausgelöst: Julia und Lena küssen sich in einem Video. "Sie sagen dass ist Unsinn. Goldene Strahlen. Aber sie sagen – nur schnell zum Artzt." Wie die englische Boulevardpresse weiß, haben die beiden Sängerinnen in Moskau feste Freunde, und der russische Produzent Iwan Schapawalow habe es mit dem von ihm kreierten Duo ausschließlich auf die Gelüste alter Männer abgesehen.

Köln, Februar 2003.

t.A.T.u. hat "Deutschland sucht den Superstar" von der Spitzenposition der VIVA-Pop-Charts verdrängt. BRAVO verrät der deutschen Jugend im Internet: "So easy kriegst du den unschuldigen Schulmädchen-Look hin!". Das Duo ist inzwischen bei Universial Musics unter Vertrag, wo das Album "200km/h in the wrong lane" erschien. Längst ist t.A.T.u. in ganz Westeuropa auf die ersten Plätze der Popcharts gelangt. "Besser nichts als zurück. Nur nicht mit ihnen. Sie holen uns nicht ein."