Pfade - Europa - Frühling

Frühling in Sejny

Während in der ehemaligen Synagoge der kleinen Stadt im polnisch-litauischen Grenzland Michael Small zu einer Schweigeminute aufruft, fängt es draußen an zu schneien. Der aus Kanada angereiste Urbanist ist zum ersten mal im Land seiner Vorfahren. Als er in einer Email aufgefordert wurde, vor dem Warschauer Bahnhof auf den Autobus zu warten, überlegte er erneut, ob er nach Polen fahren sollte. Die Überlebenden in seiner Familie rieten ab. Doch er brach auf, um einen Vortrag über das rassistische Erbe der europäischen Aufklärung zu halten. Auf dem Forum zur Gegenwart kultureller Unterschiede waren nur wenige Wissenschaftler vertreten. Die anwesenden Schriftsteller und Geistlichen, alles handverlesene Vertreter des alten Mitteleuropas, können auf seine theoretischen Ausführungen zum kanadischen Exportgut Multikulturalismus nichts erwidern. Stattdessen reagieren sie empfindlich auf seine Vorwürfe an das europäischen Kulturerbe. Michael findet es empörend, an einem Ort an dem zuvor Juden gelebt haben, die verschwunden sind - ermordet, ausgewandert, vertrieben - zu behaupten, es gäbe eine 2000-jährige Tradition europäischer Ökumene, Toleranz und Vernunft. Er findet es unglaublich, an einem Freitag in einer Synagoge zu sitzen, in der freitags einst Juden beteten. Er läuft unruhig hin und her, versteht nicht, dass Polen nach dem Krieg eine eigene Geschichte der Unterdrückung erlebte, warum die Mittäterschaft am Holocaust bis in die 90er Jahre bestritten werden konnte, warum die Menschen nicht nach den Spuren der Ermordeten gefragt haben. Doch plötzlich geht ein Bewohner aus Sejny auf ihn zu: "Ihr Vortrag hat mir ausgesprochen gut gefallen. Überhaupt bewundere ich das jüdische Volk sehr für seine Weisheit. Mir ist traurig zumute, dass all diese Menschen umkamen." Beide sind gerührt. Am nächsten Tag geht Michael auf den einstigen Lehrer zu und fragt ihn, ob er ihn auf den Friedhof führen könnte. "Aber Herr Small, ich hatte mich gestern nicht getraut sei zu fragen." Michael versteht, er habe gestern davon geträumt. "Wissen sie, was man in einer Nacht vom Freitag auf den Samstag träumt hat im Judaismus ein große Bedeutung." So treffen sie sich nach dem Abendbrot: Michael Small aus Canada und Pan Wisniewski aus Sejny. Als sie hinter der Stadt angelangt sind, ist es schon fast dunkel. Der Hügel des nach dem Krieg fast gänzlich eingeebneten Friedhofs ist deutlich zu erkennen. Am Fuße eine Gedenktafeln gestiftet von den Bürgern der Stadt. Im Gras liegen noch einige Grabplatten verstreut. Michael ist entsetzt, dass dort auch katholische Grablichter aufgestellt wurden. Während er überlegt, ob er diese entfernen soll, sucht Pan Wisniewski für ihn nach einen Stein im Gras. Michael legt ihn neben die rote Kerze und murmelt: "hier sind Geister, ich kann es genau spüren."