Pfade - Europa

Europäische Öffentlichkeiten und deutsche Wirklichkeiten

Der Pariser Platz ist menschenleer. Vor dem Hotel Adlon fahren VIPs vor. Und in der Vertretung der Europäischen Kommission erörtern junge Europawissenschafter, Professoren der Politologie und Rechtswissenschaften, Journalisten und Beamte des Auswärtigen Amtes die Perspektiven einer gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit. An der Wand ein Plakat zur Osterweiterung der EU, auf dem im Osten des Kontinents die Sonne aufgeht, darüber die Losung "Stabilität, Frieden und Wohlstand". Vor der langen Fensterfront ein großes blaues Transparent, darauf unzählige gelbe Sterne. Auf dem Podium sitzen zwar nur Deutsche, aber man widmet sich dennoch europäischen Fragen. Kann es eine europäische Öffentlichkeit geben, wenn es keinen europäischen Staat und damit kein europäisches Volk gibt? Das theoretische Gerüst für die kommende Diskussion wird voller Inbrunst aus politologischen, völkerrechtlichen und demokratischen Argumenten gebaut. Die Umrisse lassen ein Gebilde erkennen, das ausschließlich Blaue und Gelbe gefärbt ist. Bald wird klar, dass es einzig und allein um die Frage geht: wie vermittelt man den Menschen in den verbleibenden Nationalstaaten Brüsseler Politik. Eine Nachfrage, warum keine Gäste aus Polen eingeladen wurden und ob eine Regionalisierung von Öffentlichkeit als weiterer Ansatz betrachtet werden könnte, wird vom Organisator als persönlicher Angriff gewertet und nicht beantwortet. Doch später taucht ein polnischer Student des Hamburger Masterstudiengangs Europawissenschaften auf dem Podium auf, um eine weitere Diskussionsrunde zu leiten. Wie sich herausstellt, dient die Konferenz vor allem der Beendigung des Studienjahres des Hamburger Studiengangs und seines Berliner Abbildes. Als ein von deutscher Seite mit der Osterweiterung der EU beauftragter Diplomat erklärt, dass all diese Länder östlich der Oder zu Osteuropa gehörten, rührt sich kein Widerstand in den Reihen der jungen Europawissenschaftler. Er kann Mitteleuropa kommentarlos als militantes Konzept der Zwischenkriegszeit abtun. Von einem kulturellen der 1980er weiß er nichts. Dennoch werden verschiedene interessante Aspekte des Themas behandelt. Am zweiten Tag wird das theoretische Gerüst an verschiedenen Stellen weiter ausgebaut oder teilweise wieder abgerissen. Die Rolle von Sprachen, Parteien und Institutionen wird diskutiert. Und der Brüsseler Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, einer der wenigen Praktiker unter den Teilnehmern, weiß auf seriös ironische Weise von den alltäglichen Schwierigkeiten im Umgang mit großen Namen, die keiner kennt, zu berichten. In den Pausen kann man mit Blick auf das Brandenburger Tor Kaffee trinken und sich über die Rolle von Ethnizität im Europäischen Integrationsprozess unterhalten. Oder man flüchtet in Richtung Friedrichstraße, vorbei an den Absperrungen vor der amerikanischen Botschaft.

Dieser Text erschien bei slubice.de & frankfurt.pl.