Tataren - Report
Tataren in Grodno
Das Festival der nationalen Kulturen in Grodno hat uns unerwarteterweise den Anreiz zur Feldforschung gegeben. Wir beschäftigten uns intensiv mit der tatarischen Minderheit in Grodno und in Weißrussland. Das Festival an sich, speziell auch sein tatarisches Element, hat uns zwar lediglich die Möglichkeit geboten, folkloristische Selbstpresäntation des tatarischen Volks zu erleben und eventuell die orginelle tatarische Küche zu probieren. Wir haben aber zusätzlich ein paar Interviews mit den weissrussischen Tataren durchgeführt, die unser unvollständiges Wissen über ihre alltägliche Kultur ergänzt haben.
Wir können vermuten, dass die gezeigte Folklore nichts mehr gemeinsam mit der heutigen Tatarenkultur, besonders mit der Kultur der weissrussischen Tataren, hat. Die Veranstalter des tatarischen Hofes haben zu den folkloristischen Darbietungen Gäste aus Tatarstan eingeladen, um ihren "kulturellen" Zusammenhang mit ihnen zu betonen, der in Wirklichkeit nicht so groß sein mag, weil die Vorfahren der heutigen weißrussischen Tataren ihre "Brüder" aus der Goldenen Horde schon im XIV und XV Jahrhundert verlassen haben. Die tatarische Kultur auf dem Gebiet des ehemaligen Großfürstentums Litauen hat sich ganz eigenständig entwickelt. Dank der Gäste aus Tatarstan konnte man auf dem Festival die tatarische Sprache hören, die seit dem XVI Jahrhundert nicht mehr die Umgangsprache der tatarischen Minderheit in Weißrussland ist. Die Tataren in Weissrussland haben eigentlich heutzutage keinen Kontakt mit der tatarischen Sprache. Das ist besonders interessant, wenn man beachtet, dass für die anderen Minderheiten in Grodno, denen wir begegnet sind, die Sprache der entscheidende Identifikationsfaktor ist. Die Tataren, mit denen wir uns unterhalten haben, erklären den Verlust der ursprünglichen Sprache auf damit, dass man die Sprache des Staates, in dem man lebt, sprechen sollte. Die über die Tataren schreibenden Historiker unterstreichen hingegen in diesem Kontext zwei Ursachen der verhältnismäßig schnellen sprachlichen Assimilierung: Mischehen mit den christlichen Frauen und der Militärdienst im polnischen Heer. Unsere Gesprächspartner sprechen vor allem Russisch und nicht Weißrussisch oder Polnisch, wie die damaligen litauischen Tataren, fügen aber hinzu, dass sie weißrussisch auch verstehen und eventuell sprechen können, wenn es nötig ist (weißrussisch ist aber für sie eine "Dorfsprache" und finden den weißrussischen Akzent, den sie im Russischen spüren können, "lächerlich"). Was ihr sprachliches Bewusstsein im Gegensatz zu vielen Weißrussen bestätigen sollte, können sie die beiden Sprachen unterscheiden und benutzen keine Mischsprache, die Weißrussisch und Russisch unreflektiert verbindet. Was die Fremdsprachen angeht, können sie Englisch. Sie verstehen einigermaßen Polnisch aufgrund der Kontakte mit den polnischen Tataren. Sie beten auf Arabisch, verstehen es aber meistens nicht. Sie können aber auf Arabisch lesen und wissen den Inhalt der Gebete, selbst wenn sie sie wörtlich nicht übersetzen könnten. Es gibt (oder gab wir haben es nicht herausbekommen) auch eine interesante Erscheinung, die das arabische Alphabet mit weißrussischen oder polnischen Wörtern verbindet und die "Kitaben-sprache" heißt.
Die tatarischen Jungen, mit denen wir gesprochen haben, kommen aus der Provinz (das Dorf "Klinsk", wo die Vorfahren des einen schon immer gelebt haben, er heisst übrigens "Klinski" und die Stadt Lida, woher der zweite kommt). Der eine studiert Physik in Grodno (Klinski) und der andere hat erst die Oberschule abgeschlossen und möchte Medizin entweder in Grodno oder in Minsk studieren. Er will Zahnarzt werden, so wie sein Vater. Der Vater des ersten Jungen ist ein Grundbesitzer. Die Mütter der beiden Jungen sind Hausfrauen, was die patriarchale Familienstruktur bestätigen würde. Klinski glaubt daran, dass er ein Nachkomme von Dschingis Khan sei, da Dschingis Khan bekanntlich rote Haare hatte, so wie gerade er. Der andere kann seine Vorfahren bis zu dem XV Jahrhundert zurückverfolgen. Sie sprechen davon, als ob es eine selbstverständliche Sache wäre.
Sie erzählten uns sehr viel über die Geschichte der Tataren und zwar nicht nur der weißrussischen Tataren, sondern auch über Dschingis Khan, die Mongolen und über die Goldene Horde. Auf die Frage, woher sie soviel historische Einzelkeiten kennen, antworten sie, dass sie so erzogen wurden, mit dem Bewusstsein, tatarisch zu sein. Die besondere erzieherische Rolle, wenn es um die tatarische Tradition geht, spielten in ihrem Leben ihre Väter. Daraus folgt, dass die Familie in ihrem Leben die Funktion, die normalerweise der Schule überlassen wird, erfüllt. Es war auffallend, dass sie, gefragt, was für sie bedeutet, tatarisch zu sein, wodurch sie die Tataren von anderen Nationalitäten unterscheiden usw., immer nur von ihrer Geschichte sprachen. Sie konnten schwer Elemente der tatarischen Kultur in ihrem Leben definieren. Sie haben nicht explizit von der Religion gesprochen, die für weißrussische und polnische Tataren ihre tatarische Identität ausmachen sollte ("Tatarzy polscy"). Sie scheinen nicht besonders religiös zu sein. Trotzdem haben sie alle religiösen Feste, die sie feiern, genannt und beschrieben. In Nowogrodek gibt es eine Moschee und es ist die einzige Moschee auf diesem Gebiet. Da Grodno nicht weit von der Wojwodschaft Podlaskie in Polen liegt, wo es eine Moschee im Dorf Bohoniki gibt, fahren die westweißrussischen Tataren manchmal dahin, um zu beten. Der Vorsitzende eines tatarischen Vereines (und es gibt drei: das 1991 gegründete Zentrum der Tatarischen Kultur, das Moslemische Kulturzentrum und noch eine religiöse Gesellschaft, deren Namen wir nicht kennen) hat uns gesagt, dass ein Moscheebau in Grodno geplant ist.
In Grodno gibt es etwa 700 Tataren, in dieser Region ungefähr 2155, und in Weißrussland insgesamt 10000 (laut des Vorsitzenden des tatarischen Vereines in Grodno). Sie stammen von den Litauischen Tataren, die überwiegend im XIV und XV in das Grodnoer Gebiet gekommen sind. Es gab fünf Hauptwellen der tatarischen Kolonisierung: die ersten waren die heidnischen Flüchtlinge, die vor Zwangsislamisierung flohen; die zweite wurde von dem Großfürsten Witold initiert und hatte einen militärischen Charakter, das heisst die Tataren sollten das litauische Heer bestärken, und zwar hauptsächlich beim Kampf gegen die Kreuzritter. In der Schlacht von Tannenberg sollten die tatarischen Soldaten eine besonders große Rolle spielen. Davon erzählten uns auch die Tataren in Grodno. Zu der zweiten Welle der tatarischen Emigration gehörten auch die Anhänger des damaligen Khan der Goldenen Horde Tochtamysch und auch er selbst, die infolge des innerlichen Krieg ihre Macht verloren haben und einen Schutz in Litauen suchten. Die dritte Welle der tatarischen Emigration kam aus dem Krimer und Kasaner Khanat in der zweiten Hälfte des XV Jahrhunderts. Die vierte Welle waren die tatarischen Gefangenen aus dem litauischen Krieg gegen die Krimer Horde und zur letzten gehörten Emigranten aus dem von Russland besetzten tatarischen Gebieten. Die tatarischen Ansiedler im XIV und XV Jahrhundert, also zur Zeit der massenhaften Niederlassung der Tataren auf dem weissrussischen, oder litauischen Gebiet waren es meistens Männer, die den Ruf hervorragender Kämpfer hatten. Die Tataren, die nach Weissrussland gezogen sind, heirateten also notwendigerweise die christlichen Frauen, die dann zum Islam konvertierten. Es war auch so, dass die tatarischen Männer von ihren christlichen Frauen den slavischen Nachnamen übernahmen. Diese Bemerkung ist insofern interessant, dass die Tataren in Grodno feststellten, dass sie die tatarischen Frauen oder im allgemeinen die moslemischen heiraten müssen. Wenn sie eine Frau "von außen" heiraten würden, würden sie auf gewisse Weise aus der tatarischen Gemeinde ausgeschlossen. Wir haben nicht herausgefunden, was das eigentlich heißt und welche soziale Konsequenzen die Heirat mit der christlichen Frau wirklich hätte, es hat uns aber aufgefallen, dass die tatarischen Jungen es als notwendiges Mittel zur Aufrechterhaltung der tatarischen Identität ansehen.
Was die tatarische Identität weiter betrifft, haben wir die Tataren in Grodno gefragt, ob sie sich als Tataren oder Weissrussen oder einfach als in Weissrussland ansässige Tataren fühlen. Sie haben direkt geantwortet, dass sie Tataren und nur Tataren sind. Später aber, während eines Gesprächs zum Thema der Befreiung Weißrusslands 1944, haben sie ihre Identifikation mit den Weissrussen in Erscheinung treten lassen. Sie haben dann gesagt, dass die Weißrussen eine Nation ist, die immer nur gelitten hätte. Das Leiden war auch für die Tataren ein zusammenhaltender Faktor. Sie identifizieren sich auf jedem Fall mit dem Land, mit dem sie schließlich seit sechs, sieben Jahrhunderten verbunden sind. Sie wollen gute weissrussische Bürger sein. Über die Tataren, die nach dem zweiten Weltkrieg nach Polen umgezogen sind, sagen die Tataren in Grodno (der Vorsitzende des tatarischen Vereins), dass sie sie im Stich gelassen hätten. Diese seien jetzt reicher und glücklicher als ihre weißrussischen Verwandten. Sie bleiben aber in Kontakt miteinender. Der tatarische Faktor in der Identität der weissrussischen Tataren ist immer noch stärker als der weißrussische. Und es bleibt wahrscheinlich noch lange so.
Weitere Beobachtungen aus Grodno: Vom Ufer der Memel