Polen - Bericht

Die polnische Minderheit in Grodno —
Beobachtungen und Recherchen vor Ort

Die polnische Minderheit ist im Verhältnis zu den anderen ethnischen Gruppen zahlenmäßig die größte in Grodno. Die einst polnische Stadt hat insgesamt 300 000 Einwohner — die Anzahl der "Polen" darunter beläuft sich auf 60 000, also etwa 20% der Gesamtbevölkerung. In ganz Weißrussland leben etwa 400 000 Menschen, die sich als weißrussische Polen identifizieren.

Im Gegensatz zu anderen Minderheiten haben die Polen in Grodno einen festen Sitz, das "Dom Polski" vom "Bund der Polen in Belarus", eine Einrichtung, die im Verhältnis zu anderen Gebäuden der Organisation in Weißrussland relativ klein und unscheinbar ist. Der Bund ist 1990 aus der polnischen Adam Mickiewicz-Gesellschaft für Kultur und Aufklärung hervorgegangen und hat heute ca. 30.000 Mitglieder. Des Weiteren stehen 50 Amateur-Gruppen mit dieser Organisation in Verbindung, die sich in den Bereichen Kultur, Sport und Kunst betätigen und sich auch am Programm des Festivals der nationalen Minderheiten beteiligten. Es ist auch die Eröffnung eines "Zentrums für polnische Kultur" in Grodno geplant, allerdings können sich die beiden daran interessierten Organisationen, der "Bund der Polen" und die "Mutter Polens in Weißrussland", nicht einigen, wie die Inhalte des Zentrums aussehen sollen. Daher konnte das Projekt bislang nicht verwirklicht werden. Ein Gebäude, das die lokale Regierung zur Verfügung gestellt hatte, wurde aufgrund der Unentschlossenheit mittlerweile anderweitig genutzt. Im Jahre 2000 kam es zu einem Wechsel innerhalb der Führung des "Bundes der Polen", womit sich auch die Handlungsweise der Organisation etwas änderte. Während sie unter dem vorherigen Präsidenten einen selbstbewussten und nicht immer regierungskonformen Weg einschlug, ist der neue Präsident heute vielmehr auf eine einlenkende Kooperation mit der Regierung bedacht.

In ganz Belarus gibt es noch zwei polnische Schulen, die nur mit finanzieller Unterstützung aus Polen existieren können. Insgesamt besuchen 700 Schüler diese Schulen, von denen sich eine in Grodno befindet (500 Schüler). Die zweite Lehrstätte in polnischer Sprache ist in Wołkowysk gebaut worden und immer noch in Betrieb, wobei sich der "Bund der Polen" seit 1994 noch um weitere Schuleinrichtungen (u.a. in Nowogród) bemüht. Diese Versuche scheiterten letztendlich an staatlichem Widerstand, so dass nicht einmal die Stadt Werenowo, in der 80 % Polen leben, die Erlaubnis für den Bau einer Schule gestattet wurde. Die schwindend geringe Anzahl an Schülern, die noch Polnisch lernen, resultiert daher insbesondere aus der staatlichen Repressionspolitik.

Um die polnische Minderheit in Weißrussland auf dem Laufenden zu halten, sei es über eigene Projekte oder Ereignisse in Polen, hat der "Bund der Polen" auch ein eigenes Presseorgan, und zwar die Zeitung "Głos znad Niemna". Sie wird mit einer Auflage von 5800 in ganz Weißrussland publiziert. Sie erscheint wöchentlich und wird überwiegend im Abonnement gelesen, wobei sie auch in normalen Kiosken erhältlich ist. Neben den Rubriken "Belarus", "Polen" und "Welt" können sich Interessierte über die neuesten Entwicklungen innerhalb des Bundes informieren und die kürzlich stattgefundenen — überwiegend kulturellen - Ereignisse kommentiert nachlesen.

Seitdem das "Festival der nationalen Kulturen" alle zwei Jahre in Grodno stattfindet, hat die polnische Minderheit ihren "festen Platz" auf dem Innenhof des Neuen Schlosses. Dieses wurde in den Jahren 1734-1751 unter dem polnischen König August dem Starken errichtet und war eine Zeit lang ein politisch bedeutender Schauplatz: Hier fanden regelmäßig die Sitzungen des Sejms statt, wobei während jenen im Jahre 1793 die zweite polnische Teilung besiegelt wurde.

Das Programm während des Festivals war sehr vielfältig. Alle Generationen waren mit eingebunden und präsentierten sich mit Tanz und polnischen Liedern, traditioneller Handarbeit, Sportvereinen, ihrer Zeitung "Głos znad Niemna", ihrer eigenen Bibliothek und einer kleinen Gemäldeausstellung.

Beim Aufmarsch am Freitag schienen alle Mitglieder der polnischen Minderheit mitzulaufen, viele schossen sich einfach mit einer kleinen Flagge in der Hand ihrer Gruppe an und folgten der Tanzgruppe und dem Orchester. Zudem stachen noch die Pfadfinder aus der Gruppe heraus.

In Interviews mit Angehörigen der polnischen Minderheit ließ sich herausfinden, dass die Älteren, die noch im polnischen Grodno geboren wurden, untereinander und im Alltag ihre Muttersprache Polnisch sprechen. "Ich spreche die polnische Sprache sowohl zu Hause als auch mit Bekannten und Freunden. Und natürlich träume und denke ich auch auf Polnisch", erzählte eine 86jährige Frau, die in Grodno geboren wurde und nach ihrer Deportation während des Zweiten Weltkrieges wieder dorthin zurückkehrte. Für die jüngeren Leute hingegen ist die Muttersprache Russisch und häufig lernen sie die Sprache ihrer Vorfahren nur noch in der Kirche oder in der Schule. Im Gegensatz zu den Älteren sprechen und denken sie im Alltag auf Russisch.

Hierbei lässt sich auch ein Unterschied hinsichtlich der Identifikationsmerkmale als Pole zwischen den Jüngeren und den Älteren machen. Während für die Älteren die Sprache und der Katholizismus ausschlaggebend sind, berufen sich die Jugendlichen viel eher auf ihre polnischen Wurzeln. Auf die Frage nach dem Verhältnis zu den Weißrussen und den anderen Minderheiten antwortet die 86jährige Dame, dass sie sowohl polnische als auch "andere" Freundinnen habe.

Insgesamt sieht die polnische Minderheit, die sich auch selbst als eine solche bezeichnet, das Festival als eine gute Möglichkeit, um ihre gelebte Kultur den anderen zu zeigen und sich damit präsentieren zu können.

Weitere Beobachtungen aus Grodno: Vom Ufer der Memel