Juden - Bericht
Die Jüdische Gemeinde in Grodno gestern und heute
Die ersten Juden kamen als Kaufleute und Handwerker aus dem Westen nach Grodno. Sie suchten dort die slawischen Marktorte auf, an denen sie sich später auch niedergelassen haben. Das war eine große Einwanderungswelle. Die erste Erwähnung von Juden in Grodno stammt aus der zweiten Hälfte des XIV. Jh. Der litauische Großfürst Witold verlieh der jüdischen Gemeinde von Grodno die ersten Privilegien.
Welche Freiheiten wurden den Grodnoer Juden zugesprochen? Zum einen das Territorium, in dem sie sich in der Stadt niederlassen durften, als auch der Ort der Synagoge und des Friedhofes wurden mit dem Privileg festgelegt. Hinzu kamen zahlreiche Steuerfreiheiten und der uneingeschränkte Zugang zu Gewerbe und Handel, das stellte die eigentliche Existenzbasis der jüdischen Zuwanderer dar. Selbstverständlich waren sie zu bestimmten Abgaben verpflichtet, nach dem Motto: wer Geschäfte machen will, muss an die Steuerkasse zahlen.
Der entscheidende Wendepunkt in der Geschichte der Juden von Grodno war das XV.-XVI. Jh. Der große Zustrom der Juden aus dem Gebiet des Deutschen Reiches hatte den Aufschwung des Ostjudentums zu Folge. Damit ist auch die Zahl der Juden in der Stadt Grodno enorm gewachsen. Die Grodnoer Judengemeinde gehörte an der Schwelle zur Neuzeit zu den ältesten und zugleich mächtigsten Gemeinden im Großfürstentum Litauen. Im XIX.-XX. Jh. schwankte die Zahl der Juden in Grodno zwischen 50 80 % der Stadtbevölkerung in der Zeit bis zum Holocaust.
Während der gesamten Zeit der Besiedlung waren die Juden Verfolgungen verschiedener Art ausgesetzt. Von staatlicher Seite kam es zur sog. "Schuldentilgungen", das heißt, dass die Juden ausgewiesen wurden und erst nach einer Geldleistung durften sie wieder in die Gebiete zurückkehren. Die Grodnoer Juden waren damit einmal in den Jahren 1495 1503 betroffen. Im XVII Jh. verboten die Könige von Polen den Juden den Erwerb von Immobilien. Ein Beispiel in der neusten Geschichte ist der Boykott während der zweiten Hälfte der 30-er Jahren des XX. Jh. Er wurde zwar von der nationaldemokratischen Partei aufgerufen, aber von der Seite der Polnischen Regierung befürwortet.
Von Seiten der Kirche wurden vor allem theologische Abneigung vorgeschoben um die Juden als religiös zu dämonisieren. Das begründete der Klerus mit den Geldgeschäften der Juden. Die Konsequenzen waren Gettoisierung (Judengasse) der Juden oder sogar die Zwangstaufe.
Innerhalb der Bevölkerungsgruppen im Siedlungsgebiet kam es ebenfalls zu Ausschreitungen, deren Ursache im Aberglaube und Neid zu suchen sind. Als Prätexte mussten Hostienfrevel, Ritualmord und Brunnenvergiftung (Seuchen) herhalten. In der Neuzeit kam es zu Pogromwellen, die auch die Grodnoer Judengemeinde betrafen, so kam es zum Beispiel im Jahre 1881, nachdem Attentat auf den Zaren Alexander II. und 1935 nach dem Tod Pilsudski zu erheblichen Ausschreitungen gegen die jüdische Gemeinde in Grodno. Außerdem kam es zu Schikanen und Schlägereinen, die meistens Schulkinder und Jugendliche betrafen, laut den Worten Hirsch Hassids.
Die traditionellen Beschäftigungen der Juden waren Handwerk und Handel, so gehörten 80% der Werkstätten und Geschäfte in Grodno Juden. Mit der zunehmenden Industrialisierung am Ende des 19. Jh. nahm auch die Zahl der jüdischen Fabrikbesitzer zu, das betraf in Grodno vor allem die Textil- und Zigarettenindustrie.
Der Alltag der Juden unterschied sich von den übrigen Bevölkerungsgruppen durch die Einflüsse ihres religiösen Lebens. Wobei außerdem zu beachten ist; das es innerhalb der jüdischen Gruppen die unterschiedlichsten Formationen und Bewegungen gab, die sich nach den Ereignissen des 18. Jh. herausbildeten und das jüdische Leben der Stadt sowohl religiös als auch säkularisiert geprägt haben. Das fängt an mit der innerreligiösen Strömung des Chassidismus und seiner Antibewegung der Misnagdim am Ende des 17. Jh und war über die jüdische Aufklärung (Haskala) bis zu den sozialistischen Gewerkschaften Grodnos seit der Mitte des 19. Jh. im kulturellen Leben Grodnos zu beobachten.
Im Alltag sprachen die Juden eigene Sprache, gebeten wurde jedoch auf Hebräisch. Es gab in der Stadt 30 Synagogen, mehreren Schulen (religiös und säkular), Bibliotheken, Sportvereine, eine Orchester und Theatergesellschaft.
Dieses vielfältige Alltagsleben endete in Grodno definitiv mit der Massenvernichtung während der deutschen Besetzung. Den Holocaust haben bloß 200 Juden überlebt, welche innerhalb der darauffolgenden 10 Jahre fast vollständig emigrierten. Zur Zeit der Sowjetunion wanderten die Juden aus verschiedenen Teilen des Landes zu. Heutzutage leben in Grodno ca. 1000 Personen, die sich zu ihren jüdischen Wurzeln bekennen. Am aktiven Gemeindeleben nehmen nach den Aussagen der Befragten 200-300 teil. Sie feiern gemeinsam religiöse Feste in einer Synagoge (vor einem Jahr ist ein junger Rabbiner mit seiner Frau aus den Staaten gekommen, und nach unseren Informationen, hat er noch in der belarussischen Realität ausgehalten) und treffen sich in dem Jüdischen Gemeindezentrum. Es handelt sich aber meistens um ältere Menschen. Die jungen versuchen nach Amerika oder Israel zu emigrieren. Es wird auf den speziellen Kursen Hebräischunterricht gegeben, Jiddisch wird jedoch nicht mehr gesprochen. Es findet sich auch in der ganzen Stadt Grodno, nach Aussage des Synagogendieners, nicht eine Inschfrift "po-jidische" zu finden. Alles Jüdische sollte zu Sowjetzeiten komplett aus der jüngeren Geschichte gestrichen werden.
Das sich die jüdische Gemeinde auf dem Festival der Kulturen, als Minderheit präsentierte (oder präsentieren musste?) zeugt von dem enormen Bruch den die Stadt und mit ihr die jüdische Gemeinde erlebt hat. Während des Zuges die Stimmung war eher ernst als festlich, es wurde kaum gesungen und getanzt. Während der Präsentation der jüdischen Gemeinde war auf dem Hof im Gegensatz zum Umzug eine lebendigere Stimmung. Es gab Tanz, Musik und Essen. Speziell zu diesem Anlass kamen Gäste der Jüdischen Gemeinde aus Minsk. Die meisten Performances wurden mit Verstärkung aus Minsk zum Einsatz gebracht. Laut unserem zufälligen Gesprächspartner (Josef aus Minsk) blüht in Minsk das jüdische Leben wieder neu auf. In Belaruss bekennen sich etwa 38000 Juden zu ihrem Glauben, der als entscheidende Faktor der jüdischen Identität in Frage kommt. Der Staat erkennt aber viele, die in sich so zu sagen "ihr Judentum wiederentdecken" nicht als Juden an. Damit entgehen den Gemeinden die notwendigen Fördermittel und die Legitimierung sich zu organisieren. Für Hirsch Hassid, einem der zwei noch im Grodno lebenden Grodnoer Vorkriegsjuden, war das Festival "kein Anlass zur Freude". Er sagte, dass "das jüdische Leben in Grodno kaum zu vergleichen ist, mit dem was es dort vor dem Krieg gab". Er sagte aber auch, dass "es schon schön ist, dass man sich öffentlich zeigen kann, mit seiner Kultur."
Weitere Beobachtungen aus Grodno: Vom Ufer der Memel