Deutsche - Report

Mit Hänschenklein und nicht ohne Dirndl

Vor unserer Exkursion haben wir uns bereits mit der Geschichte befasst. Deutsche Spuren lassen sich bis ins 12 Jahrhundert zurück verfolgen. Damals tauchten der Kreuzritterorden erstmalig im heutigen weißrussischen Gebiet auf, während des Mittelalters zog es Deutsche im Rahmen der Ostsiedlung hierher und im 20. Jahrhundert unter dem NS-Regime. Doch wie leben die Deutschen heute? Haben sie sich ins Stadtleben integriert, assimiliert oder gibt es sie überhaupt noch? Das Festival der Nationalen Minderheiten sollte uns Gelegenheit bieten, unseren Fragen nachzugehen und Antworten zu finden.

Es ist Freitag und nach unserem erheiternden Stadtrundgang, dem wir nicht zuletzt unserem professionell-weißrussischen Freund Janek zu verdanken hatten, nähern wir uns der Innenstadt. Die feierliche Eröffnung des Festivals steht auf dem Programm. Die Sonne scheint. Die Menschenmenge nimmt zu, das Gedränge wird dichter, man sieht Luftballons, herausgeputzte Mädchen und Frauen, Straßenhändler mit kunterbunten Platikspielzeug, kleine Kinder mit Eis oder Zuckerwatte... es herrscht eine ausgelassene Volksfeststimmung!

Wir drängen durch die Menge und finden erhöht auf der Treppe eines Einkaufszentrums noch einen geeigneten Platz als bereits die ersten Klänge ertönen. Es wird gejubelt, gerufen und applaudiert während der erste bunte Menschenzug um die Ecke biegt. Jede "nationale Kultur" trägt zu Anfang ein Banner mit ihrem Namen... des russischen ohnmächtig, für mich leider keine große Hilfe.

Um so spannender denke ich mir... werde ich wohl die Deutschen erkennen? Wie sehen Deutsche eigentlich aus? ...Meine Überlegungen werden unterbrochen, als ein kleines Grüppchen, überwiegend Frauen in Trachten begleitet von einem Akkordeonspieler uns die Straße entkommen und neben mir jemand flüstert: Die Deutschen! Weder mit durchdringendem Marsch wie die Polen, freudig hüpfend wie die Ukrainer oder bedächtig schreitend wie die Juden... die Deutschen laufen... gehen... oder nenn mir noch so ein allgemeines und aussageloses Verb der Fortbewegung. Kein besonders individuelles Merkmal fällt mir auf. Ich glaube, im Gedächtnis bleiben sie wenigen.

Das Festival fungiert auch als Bühne der Selbstdarstellung. Vielleicht sind die Deutschen auf den zweiten Blick ja interessanter. Neugierig gehen wir am folgenden Tag zum deutschen Hinterhof. Bereits vor dem Hof ertönen die vollen Klänge des Schiffermannklaviers. Wir gehen durch den langen, schattigen Torbogen... Das erste, was wir nun erblicken, ist ein unter bunten Stoffwimpeln eiserner Rundbogen überdeckt mit Kletterrosen, an welchem ein Holzschild sanft im Winde schwingt, es trägt die Aufschrift KNEIPE. Wir scheinen im Mikrodeutschland angekommen. Wo ist das Bier? In freudiger Erwartung - ich habe sogar ein Maß erwartet - bin ich von der kulinarischen Präsentation enttäuscht. Nicht, dass ich ein ausgesprochener Kenner und Liebhaber der Deutschen Küche wäre... aber das!? Ich kenne zwar alle sich mir darbietenden Speisen - doch nicht aus Deutschland, sondern von den anderen Ständen des Festivals. Unzählige Teigwaren in jeglicher Form und Füllung: Eckig oder rund. Schwein, Rind oder Huhn. Eierkuchen meist mit Süßem, sonst mit Ähnlichem gefüllt. Auch die Süßwaren boten nicht neues.

Köstlich erfreut mich dagegen die musikalische Darbietung! Auf der Bühne stehen sechs Frauen, in rustikale Trachten gekleidet und mit weißen Stoffhäubchen oder Strohhüten bedeckt. Sie trällern mir anfangs unbekannte, romantische Volksweisen von der unerfüllten Liebe. Doch die folgenden Lieder lassen mich aufhorchen, bei O du dummer Augustin und Der Kuckuck ist wieder da fühle ich mich in meine früheste Kindheit versetzt. Ich erkenne noch Mein kleiner grüner Kaktus, weiteres ist mir unbekannt. Begleitet wird der Frauenchor von dem bereits erwähnten Akkordeonspieler, im dunklen Anzug mit einen grauen Filzhut, wie ich ihn schon mal in Bayern gesehen habe. Er schien, nebenbei bemerkt, einer der wenigen männlichen Vertreter hier zu sein.

Neben der Gesangsvorstellung bietet auch das Bühnenbild ein optisches Freudenmahl! Auf die Dekoration soll nun an dieser Stelle ein besonderes Augenmerk gerichtet sein: Der Eisenzaun, welcher die Bühne säumt, ist dicht behängt mit bunten Papp- und Holzbildern, die mich sehr erheiterten: Es handelt sich um Osterhasen, die Weidensäcke mit farbigen Ostereiern geschultert haben, fröhlich winkende Nikoläuse und Weihnachtsmännern und die allseits beliebten Freunde der Vorgärten: Gartenzwerge bei allen denkbaren Arbeiten.

Im Anschluss an die Gesangsvorstellung spreche ich eine der Gesangsfrauen an, auch Christian und Tori unterhalten sich unterdessen mit einigen sogenannten Deutschen. Natürlich ist jedes Schicksal individuell geprägt, doch konnten wir im Nachhinein viele Gemeinsamkeiten feststellen. Zuallererst natürlich die Sprache. Wir haben uns auf deutsch unterhalten - doch war dies eher ungeübt und holprig. Es stellt sich bald heraus, dass sie - die Deutschen - untereinander russisch sprechen und wenig Sprachpraxis besitzen.

Die besagte Frau erzählt mir, dass ihre Wurzeln in Hessen liegen und sie daher einen schwäbischen Akzent habe. Ob sie wohl von einer schwäbischen Minderheit abstammt, kann ich nicht ganz klären. Sie hat sich warm geredet. Ihre Vorfahren sind jedenfalls noch zu Zeiten Katharinas der Großen zunächst an die Wolga, dann Kasachstan und später nach Minsk gezogen. Mit ihren Kindern spricht sie russisch, wie überhaupt in ihrer ganzen Familie, ja, sie würde die Kleinen zum Sprachunterricht ihres deutschen Verbandes schicken und ob sie sich noch als Deutsche fühle...kurze Pause...ein Lächeln: Nein.

Diese Frau ist mit dem Deutschen Verein Brücke aus Minsk angereist, zwei weitere Gruppen kommen aus Gomel und Polozk. Wie deren Verbände hießen kann sie uns nicht sagen. Auch scheint die Kommunikation untereinander eher spärlich. Aus Grodno beteiligte sich niemand an dem Programm...Warum? Keine Antwort.

Doch wo gibt es sie in Grodno? Es ist Sonntags um kurz vor zehn, als wir durch die mächtige Holztür ins Innere der Kirche treten. Dort ist es relativ hell. In der Mitte stehen einfache Holzbänke ohne Lehne. Wir setzen uns. In der ersten Reihe fällt mir ein kleines Mädchen auf, das einzige Kind. Ein weiteres Mädchen in jugendlichem Alter sitzt hinter dem Keyboard, eine Orgel gibt es nicht. Sonst erblicke ich auch hier überwiegend Frauen. Tori zählt insgesamt 22 Personen. Einige Gäste aus Minsk sind ebenfalls gekommen.

Die Gesangsbücher sind auf deutsch und stammten laut Stempel auf der ersten Seite von einer Rostocker Gemeinde, mit welcher regelmäßiger Kontakt besteht, wie sich später heraus stellt. Zusätzlich gibt es noch eine zweisprachige Kopie mit Liedern, dem Glaubensbekenntnis und dem Vater Unser. Der Gottesdienst teilt sich sprachlich: die Lieder sind deutsch, die Predigt russisch und alles übrige, wie das Lesen von Bibeltexten, das Glaubensbekenntnis oder das Vater Unser wird zuerst auf russisch und dann auf deutsch gesprochen.

Wie der Pfarrer berichtet, zählt die Gemeinde insgesamt etwa 30 Personen. Es gibt kaum Nachwuchs. Die Gemeinde schrumpft. Auch während der Messe wirkt das scheppernde Keyboard, der uneinheitliche Gesang, der monotone Vortrag der deutschen Texte (nur zu ihnen kann ich mich äußern) verloren.

Als ich den Pfarrer im Anschluss anspreche, stellt sich heraus, dass er des Deutschen nicht mächtig ist und wir einigten uns auf Englisch. Auch habe er keinerlei familiäre Beziehung zu Deutschland. Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass sich die Gemeinde in erster Linie als evangelisch-lutherisch empfindet und die deutsche Zugehörigkeit eher zweitrangig ist. Ebenfalls erzählt mir Sergey Maramzin von seinen Bestrebungen, die Kirche zu modernisieren, was die vermehrte russische Lied- und Textsprache bedeutet. Der Inhalt soll wieder mehr im Vordergrund stehen, die Menschen sollen verstehen, was sie in der Messe hören. Es ist zu vermuten, dass der Grodnoer Gemeinde in geraumer Zeit ihre deutschen Wurzeln auch nicht mehr auf den zweiten Blick anzusehen sind. Es scheint, als ob die nächsten Generationen entweder gänzlich "modernisiert" oder gar nicht erst zur Nachfolge antreten wird.

Dieser Text wurde von Henrike Beran verfasst.

Weitere Beobachtungen aus Grodno: Vom Ufer der Memel